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Alica Stuhlemmer: Was seit Januar passiert ist…

Hallo ihr Lieben,
lang, lang ist es her seit meinem letzten Newsletter. Es ist so viel passiert, dass ich selbst lange nicht wusste, wie ich all das in Worte fassen soll.
Zum ersten Mal seit 2018 hab ich seit Januar keinen Platz mehr in der Nationalmannschaft.

(c) Felix Diemer/ DSV

Der Verlust des Kaderstatus kam für mich sehr unerwartet. Damit fiel nun die finanzielle Grundlage für meine iQFOiL-Kampagne weg. Ehrlich gesagt wurde mir durch die Art und Weise, wie mein Ausscheiden kommuniziert wurde, auch ein Stück weit der Stecker gezogen. Ich habe für einen Moment die Freude am Leistungssport verloren.

Die letzten Monate waren deshalb nicht nur sportlich eine Umstellung.
Ich musste mich zum ersten Mal ernsthaft fragen, wer ich eigentlich bin, wenn ich nicht mehr Teil der Nationalmannschaft bin. Acht Jahre lang war Leistungssportlerin mein Beruf, mein Hobby, meine Leidenschaft und ein sehr großer Teil meiner Identität. Plötzlich fehlte diese öffentliche Legitimation und ich musste lernen, dass mein Wert als Mensch nicht von einem Kaderstatus abhängt.
Ich muss ehrlich sagen, manchmal fällt es mir schwer, seit unserem Erfolg in Tokio so in der Öffentlichkeit zu stehen. Natürlich genieße ich vieles daran und ich möchte ausdrücklich sagen, dass dieser Teil überwiegt!
Ich bin unglaublich dankbar für all die Menschen, die mich auf meinem Weg begleiten und unterstützen. Und für all die Möglichkeiten und Erlebnisse, die mir dieser Erfolg und unsere Konstanz in der Weltspitze über acht Jahre geschenkt haben.
Aber gleichzeitig bringt diese Sichtbarkeit auch eine Last mit sich. Viele Menschen verfolgen mit Interesse, wie es weitergeht, stellen Fragen oder beobachten Entscheidungen, manche im positiven Sinne, andere weniger.

In den vergangenen Monaten habe ich mir deshalb Zeit für mich genommen.
Zeit, um den Winter in den Bergen zu genießen, als Skilehrerin zu arbeiten, wieder Dinge zu erleben, für die während der letzten acht Jahre kaum Zeit war, mich mit guten Freunden auszutauschen und über meine Zukunft nachzudenken.
Ich habe mir häufig die Frage gestellt, wie viel ich von meinen Gedanken und Gefühlen überhaupt teilen kann und möchte und inwieweit ich das auch muss und bin dabei definitiv an meine Grenze gestoßen. Deshalb lässt dieser Newsletter soo lange auf sich warten.

Viele von euch haben in den letzten Wochen entdeckt, dass ich bei der Kieler Woche gemeinsam mit Julian Hoffmann wieder auf dem Nacra unterwegs war.
Julian gehört zu den besten deutschen ILCA-7-Seglern und ist in seiner Disziplin Teil des German Sailing Teams. Wir testen gerade gemeinsam, ob wir das Potenzial für eine Olympiakampagne Richtung Los Angeles haben.
Zur Kieler Woche waren die Bedingungen allerdings sehr sommerlich. Die meiste Zeit segelten wir bei außergewöhnlich wenig Wind mit beiden Rümpfen im Wasser. Deshalb sagt diese Regatta nur sehr begrenzt etwas darüber aus, wie gut wir auf einem foilenden Boot wirklich zusammenarbeiten.
Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, kommende Woche gemeinsam bei der Europameisterschaft in Eckernförde an den Start zu gehen.
Nach inzwischen etwa 25 gemeinsamen Segeltagen sind wir beide sehr gespannt, wo wir aktuell stehen. Falls ihr Lust habt, uns zu verfolgen, freuen wir uns riesig über euren Support.
Ein möglicher Schritt zurück in den Nacra also?!

Bleibt die Frage nach dem Windsurfen.
Dieser Satz fällt mir bis heute schwer zu schreiben: Ich beende meine iQFOiL-Kampagne.
Warum fällt es mir so schwer, das zu sagen?
Weil es sich anfühlt, als wäre ich gescheitert, aber bin ich das?
Kurz vor meiner letzten Europameisterschaft hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, in den Rennen wirklich mitspielen zu können: ein siebter Platz im ersten Rennen der Italian Nationals, zwei richtig gute Trainingstage in Sferracavallo und Marsala und mein Boardhandling funktionierte immer besser.
Natürlich war ich dabei auf Bedingungen angewiesen, die mir etwas mehr lagen. Trotzdem bin ich zum ersten Mal nach den Rennen ins Ziel gekommen und dachte: Jetzt beginnt es richtig Spaß zu machen.
Umso schwerer ist es, genau an diesem Punkt aufzuhören.
Ich hätte mir unglaublich gerne selbst die Chance gegeben, diesen Weg weiterzugehen und meine Fortschritte auch bei einem internationalen Event auf Papier zu bringen.
Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass eine Olympiakampagne ohne die notwendige finanzielle und strukturelle Unterstützung für mich weder realistisch noch nachhaltig ist.
Ich habe für mich herausgefunden, dass ich mit diesem Ende okay sein kann.

Wie es langfristig weitergeht?
Die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es noch nicht.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist nicht jeder Schritt meines Lebens bis zu den nächsten Olympischen Spielen durchgeplant an. Und obwohl das manchmal beängstigend ist, steckt darin auch viel Schönes.
Ich darf wieder neugierig sein und neue Wege ausprobieren.
Wer genauso neugierig ist, ist herzlich eingeladen, meinen Weg weiter zu verfolgen.

Zum Schluss möchte ich noch Danke sagen.
Danke an all die Menschen, die unabhängig von Erfolg oder Scheitern im Sport an meiner Seite stehen. An alle, die mir ihren Rat, ihre Zeit oder ihre Hilfe angeboten haben. Und ganz besonders an die Freunde, die Julian und mir in den vergangenen Wochen unter die Arme gegriffen haben und dieses Nacra-Tryout überhaupt erst möglich machen. Danke euch!

Bis ganz bald
Alica (Stuhlemmer)

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