Kiel. Am Donnerstag, 27. Februar, ging es am Kamin der KYC Lounge mit dem schleswig-holsteinischen Klimaschutz-Minister Tobias Goldschmidt, dem Meteorologen Sebastian Wache und Philipp Mühlenhardt, Geschäftsführer der Sporthafen Kiel GmbH, in Erinnerung an die Ostseesturmflut um große Fragen für die Zukunft der Ostseeküste und -häfen.
„Die Ostseesturmflut vom vorletzten Herbst haben wir noch alle in Erinnerung. Statistisch können wir bald alle zehn Jahre mit einem vergleichbaren Ereignis rechnen. Seit 1843 ist der Meeresspiegel um mehr als 40 Zentimeter gestiegen. Bis 2100 könnte er sich um mehr als einen Meter erhöhen“, so der Vorsitzende des Kieler Yacht-Clubs, Hauke Berndt.
„Das sind Werte, da kriegt der Umweltminister graue Haare – darf ich das sagen?“, wandte sich der Gastgeber, selbst Meteorologe und promoviert in Klimamodellierung, an Tobias Goldschmidt, Minister für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein.
Hauke Berndt hatte an den Kamin in der Lounge des Hotels Kieler Yacht-Club geladen, um das Thema „Stürmische Zeiten: Küstenschutz und Klimarisiken“ aus Politik, Meteorologie und Hafenperspektive zu beleuchten. Die Runde komplettierten Sebastian Wache, u.a. bekannt aus dem Schleswig-Holstein Magazin, und Philipp Mühlenhardt, oberster Herr über neun Sportboothäfen an der Kieler Förde, unter ihnen das Olympiazentrum Schilksee.
Das merkte man schnell: Auch dem ehemaligen Yachtschüler ist das Thema ein persönliches Anliegen. Die Ostseesturmflut hat er in sehr lebendiger Erinnerung, verbrachte die Nacht damit, sein Schiff in der Innenförde zu sichern.
Wo stehen wir?
„Die Küste ist in Veränderung. … Die Veränderung beschleunigt sich gerade in Folge der Klimakrise tatsächlich ziemlich rasant“, warnte Tobias Goldschmidt. „Wir bemerken, dass die Einschläge immer dichter kommen“, ergänzte Philipp Mühlenhardt. „Wir haben vor 15 Jahren angefangen, unsere Stege 20 cm höher zu bauen und wir merken, dass das schon jetzt nicht mehr reicht. Das ist für uns natürlich ein Problem, weil wir immer in Dekaden planen. Unsere Baumaßnahmen sind so aufwändig, dass man das langfristig vorher planen muss. Und das, was da jetzt gerade draußen passiert, das macht mir wirklich Angst.“
Wie werden sich Wetter und Klima entwickeln?
Dürren, Starkregen, heftige Stürme. Wir müssen uns weiter auf extremere Wetterlagen einstellen. Das betonte Sebastian Wache. Das Ostseehochwasser 2023 wurde ein „Jahrhunderthochwasser“ genannt: Das letzte vergleichbare Ereignis lag rund 120 Jahre zurück. Aber: „Berechnungen gehen davon aus, dass so etwas in Zukunft häufiger vorkommt. Das basiert auch u.a. darauf, dass wir davon ausgehen müssen, dass, wenn der Pegel in der See ansteigt, wir das nächste Mal nicht mehr Windstärke 12 über zweieinhalb Tage brauchen, dann reicht vielleicht Windstärke elf, um das gleiche Ausmaß zu bewirken“, so der Meteorologe.
„Das 1,5 Grad Ziel des Pariser Klimaabkommens haben wir 2023 global gerissen“, fuhr er fort. „Es wird immer wärmer, auch die Wassertemperaturen der Ozeane steigen. Ein sich selbst beschleunigender Prozess: Je wärmer das Wasser wird, desto weniger klimaschädliches CO2 kann dort gespeichert werden und die Temperaturen steigen weiter“, so Sebastian Wache. Die höheren Temperaturen sorgen für das Abschmelzen der großen Landeismassen über Grönland und der Antarktis. Zusammen mit der Ausdehnung der Wassermoleküle, der sogenannten thermischen Expansion, führt dies zu einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels. „Ein weiterer Faktor ist, dass Skandinavien sich nach der Eiszeit weiter erhebt“, erläuterte der Meteorologe. „Und wir sinken“, ergänzte der Umweltminister.
Was ist geplant?
Das Land reagiert mit einem Bündel an Maßnahmen. „Wir treffen schon eine Bauvorsorge“, erzählte der Minister. Dazu gehört der Bau von Klimadeichen und Küstenschutz. „In anderen Teilen der Welt, auch teilweise in Dänemark oder in UK, entscheidet man sich häufig dagegen. Da überlässt man die Flächen dem Meer. In Schleswig-Holstein haben wir eine andere Kultur“, erläuterte Tobias Goldschmidt, aber: „Wir werden auch der Natur Raum geben müssen.“
Neben dem Küstenschutz ist dem Umweltminister auch der Schutz der Ostsee selber ein großes Anliegen. Im Rahmen der Überlegungen zur Einführung eines Nationalparks Ostsee sei von vielen Seiten, auch von Wassersportlern, die Bereitschaft signalisiert worden, künftig freiwillig zum Schutz der Ostsee aktiv zu werden. Der dann verabschiedete „Aktionsplan Ostseeschutz 2030″ sehe vergleichsweise geringe Auflagen für Wassersportler zu Gunsten des Meeresschutzes vor.
Umso wichtiger seien aber nun die freiwilligen Beiträge seitens des Wassersports: „Dieses Meer wird sich nur schützen lassen, wenn alle einen Beitrag leisten. Ostseeschutz ist ein solidarisches Unterfangen. Wir verlangen gerade von den Fischern sehr viel. Das weiß ich. Und deshalb ist es so wichtig, dass alle mit dabeibleiben“, rief Tobias Goldschmidt unter Applaus der Anwesenden auf.
„Auch der Segelfraktion liegt die Ostsee am Herzen. Ich denke, wir stellen uns an vielen Stellen schon unserer Verantwortung. Sinnvolle Maßnahmen werden wir auch unterstützen“, betonte Hauke Berndt.
Der Klimawandel und die Kieler Sporthäfen
„Philipp, du bist quasi dafür verantwortlich, hinterher wieder aufzuräumen, wenn etwas passiert. Welche Planung hast du?“, wandte sich Hauke Berndt an Philipp Mühlenhardt. Der Geschäftsführer der Sporthafen Kiel GmbH dankte zunächst Tobias Goldschmidt stellvertretend für die Landesregierung für die finanzielle Unterstützung beim Wiederaufbau nach dem Ostseehochwasser.
„Man kann viel machen, sicher auch in Schilksee eine Steinmole erhöhen, so dass die Wellen nicht so ungehindert in den Hafen laufen, wie 2023. Am Ende kommen wir aber auch an Grenzen: Ich kann den Heckpfahl, die Steckdosen, nicht unbegrenzt hochsetzen, sie müssen ja auch noch bedient werden können“, sagte Philipp Mühlenhardt. – „Und wir haben ja auch mal Niedrigwasser und wenn dann der Poller drei Meter hoch ist…“, überlegte Hauke Berndt weiter. Auch stark schwankende Wasserstände machen die Planung für die Hafenbetreiber schwer. Dennoch: „Wir treffen jetzt Vorsorge“, betonte Philipp Mühlenhardt.
„Der eine oder andere mag sich gefragt haben, warum wir denn im Südhafen in Schilksee [nach dem Ostseehochwasser 2023 – Anm. d. Red.] nicht gleich Schwimmstege hingelegt haben. Das ist mit einem unglaublichen Vorlauf verbunden, weil die Schwimmstege eine ganz andere Verankerung haben, als feste Stege. Und in dem Fall war die Maßgabe, so schnell wie möglich wieder einsatzbereit zu sein. Das haben wir, glaub ich, ganz gut hingekriegt“, so der Geschäftsführer der Sporthafen Kiel GmbH.
„Erstmal vielen Dank auch an dich. Ihr habt dafür gesorgt, dass wir zu Saisonbeginn auch wieder Stege unter den Füßen hatten und segeln konnten und später dann auch die Kieler Woche in Schilksee haben stattfinden lassen konnten, was ja auch nicht ganz selbstverständlich war“, lobte Hauke Berndt, unterbrochen durch spontanen Applaus.
Was der Hafenbetreiber selber zu Ostseeschutz und Nachhaltigkeit beiträgt
„Wir lassen keine Möglichkeit aus, Dinge neu auszuprobieren. Auch an den Minister: Wir sind an Ihrer Seite, wenn es darum geht, den Ostseeschutz weiter zu vertiefen“, unterstrich Philipp Mühlenhardt.
„Man muss aber in vielen Fällen nicht nach neuen Gesetzen rufen. Es gibt auch bestehende Gesetze, die man nur umsetzen und einfordern muss, zum Beispiel beim Thema Fäkalienabsauganlage“, führte der Sporthafenbetreiber aus.
„Baustellen“ sieht er zum Beispiel noch beim Antifouling und der Entsorgung von GFK-Booten. „Aktuell gucken wir zum Beispiel, wie man Elektromobilität auf dem Wasser umsetzen kann. Das wird vor allem dich interessieren, Hauke, wenn wir das Thema Olympiabewerbung wieder aufgreifen“, so Philipp Mühlenhardt.
Ein Vorwarnsystem für Segler*innen?
„Uns würde es helfen, wenn wir eine Art Vorwarnsystem hätten, das wir dann auch an die Bootseignerinnen und Bootseigner weiterreichen können, die dann eine etwas bessere Chance haben, sich vorzubereiten“, überlegte Philipp Mühlenhardt weiter. „Im Oktober 23 haben einige von Schilksee in die Innenförde verholt und waren damit sehr gut beraten. Wenn man solche Möglichkeiten etwas besser prognostizierbar machen würde, dann ist das vielleicht auch schon Teil der Reaktionen auf diese Klimawandelausprägungen.“
„Es wird gern von politischer Seite gesagt, gerade nach Starkregen: ‚Das konnte ja keiner wissen.‘ Das stimmt nicht“, betonte Sebastian Wache. „Vom Wetter muss keiner mehr überrascht werden. Wir wissen ziemlich gut, was da auf uns zukommt. Das Ostseehochwasser zum Beispiel konnten wir sieben Tage vorher schon sehen.“ Er ermutigte alle Wassersportler*innen sich intensiver mit dem Wetter zu beschäftigen. Ein Vorwarnsystem ist direkt nach dem Ostseehochwasser entwickelt worden und bereits in den ersten Häfen in Schleswig-Holstein erfolgreich im Einsatz. Dabei werden die Wetter- und Pegelwarnstufen individuell auf jeden Standort angepasst. Hafenbetreiber oder Kommunen bekommen so frühzeitig die Warnungen per Email oder SMS und haben auch die Möglichkeit mit unseren Meteorologen Rücksprache zu halten, um dann eine Warnkette auszulösen, so dass noch mehr Menschen erreicht werden können, wie Sebastian Wache erläuterte.
Ostseeschutz als Investition in die Zukunft
„Ich würde mir wünschen, dass wir Ostseeschutz als Investition in die Zukunft begreifen“, appellierte der Umweltminister zum Schluss. „Der Schutz der Ostsee ist ein Geschenk an künftige Generationen. Die Investitionen in die Deiche sind eine gute Investition in ein gutes Leben hier in Schleswig-Holstein, an der Küste. Und das Leben an der Küste ist ein schönes Leben“, so Tobias Goldschmidt.
„Wir können alle dazu beitragen, dass die Kosten aufgrund der Klimaveränderungen in der Zukunft vielleicht nicht ganz hoch ausfallen, wie wir das gerade sehen, indem wir jetzt etwas zum Ostseeschutz beitragen. Das betrifft uns am Ende alle“, rief Hauke Berndt auf
Die KYC Lounge-Gäste nutzten ihre Chance zur Diskussion und zum persönlichen Austausch mit dem Panel – und natürlich untereinander.
Das Organisationsteam der KYC Lounge freut sich über Feedback und Anregungen. Interessierte können der WhatsApp-Gruppe „KYC Lounge“ beitreten.
Text & Bilder: Carina Wegner