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Verletzung und Perspektive Olympia

Halifax. Bei der Weltmeisterschaft der olympischen Skiffs 49er, 49erFX und Nacra 17 im kanadischen Nova Scotia haben sich Max Stingele (25) und Linov Scheel (25) fürs Perspektivkader des German Sailing Teams empfohlen. Maru Scheel (22) und Freya Feilcke (21) haben sich auf Platz 23 in Stellung gebracht. Aufgrund einer Verletzung konnten die Bronzemedaillengewinner von Tokio Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer nicht zum Saisonhöhepunkt reisen.

Max Stingele und Linov Scheel - 2021 noch mit dem alten Rigg unterwegs. (c) Anna Suslova.

Maru und Freya voller Zuversicht. (c) privat

Mit bis zu 1,5 Meter Welle und bis zu 27 Knoten bot der Nordatlantik den WM-Teilnehmern im kanadischen Halifax einen sportlichen Empfang mit zahlreichen Kenterungen. Davon nicht schrecken ließen sich Max Stingele und Linov Scheel. Beide hatten sich schon zwei Wochen in Kanada intensiv vorbereitet: „An Segelbedingungen war von Starkwind über stabile Seebriese bis zu drehigem, ablandigen Wind alles dabei“, berichtet Linov. Das zahlte sich aus. Die Kieler katapultierten sich in Kanada in der 49er-WM-Flotte mit 65 Skiffseglern aus 23 Ländern auf WM-Platz 13. 
„Platz 13 ist ein saustarkes Ergebnis in einem herausragend besetzten WM-Feld“, wertet Trainer Max Groy. Entsprechend zufrieden zeigten sich die Kieler. „Wir konnten in jedem Windbereich gute Platzierungen ersegeln“, freute sich der 25-jährige Max. Hinzu kommt, dass die erste Saisonhälfte für beide nicht nach Plan verlief und sie coronabedingt die EM verpasst hatten. Umso größer die Freude der Studenten über ihre Platzierung. „Linov und Max hatten schon immer ein sehr gutes Bootsgefüh“, erklärt Trainer Max Groy. Sie hätten „gezeigt, dass sie nachrücken können und auf Augenhöhe agieren, wenn andere einmal nicht performen.“ Er ergänzte: „Die Spitze ist im 49er breiter geworden.“ 
Entscheidend war für viele Crews der Umgang mit dem neuen Material. Geändert wurden im olympischen 49er zuletzt Mast, Großsegel, Fock und Gennaker. „Eine Besonderheit der diesjährigen WM war, dass sowohl die neu eingeführten „North Sails 3Di“-Großsegel als auch die auslaufenden Großsegel von „NeilPryde“ zugelassen waren. Jedes Team musste sich hier zwischen diesen beiden Segeltypen entscheiden. Bei uns fiel die Wahl auf den neuen Segeltypen, da wir uns mit diesem speziell bei weniger Wind sehr viel wohler fühlen“, erzählt Max. Dadurch rückten Tests und Optimierungen in den Vordergrund. Das unterstreicht auch Olympic Performance Manager Marcus Lynch, der das German Sailing Team vor Ort in Kanada unterstützte: „Bis zur nächsten großen Regatta der Skiffs und Nacras bei der Trofeo Princesa Sofia sind es knapp sechs Monate. Alle Teams haben nun ein klareres Verständnis von sich selbst und ihrer internationalen Konkurrenz und werden mit ihren Trainern Trainingspläne erstellen, um sie auf dem Weg nach Paris 2024 in der Ergebnisliste weiter nach oben zu bringen.“

Im 49er FX arbeiten nach dem Karriereende der olympischen Silbermedaillengewinnerinnen Tina Lutz und Susann Beucke die jüngeren Teams an ihrem Aufstieg. Die Mitglieder des Perspektivkaders des German Sailing Teams, Maru Scheel und Freya Feilcke, segelten vor Halifax ihre erste Weltmeisterschaft in einer Seniorenflotte. „Wir hatten überwiegend gutes Wetter mit Sonnenschein, das wir an den meisten Tagen mit Seebrise gesegelt sind. Mit diesem Wind kam dann auch immer eine tricky Welle, die wir aber mit der Zeit ganz gut beherrschten“, erzählt Maru. „Unser bestes Rennen hatten wir an einem Tag mit ablandigem Wind und Flachwasser“, ergänzt Freya. Das Rennen beendeten die Newcomerinnen unter den Senioren auf Platz 4. „Am Ende wurden wir 23. in einem wirklich stark besetzten Feld“, so die Kielerin weiter. „Wir haben gemerkt, dass das Niveau an der Startlinie in dem Seniorenfeld deutlich höher ist und wissen nun, woran wir arbeiten müssen. Ende September fahren wir nach Den Haag zum Testevent für die Weltmeisterschaft nächstes Jahr.“

Martin Lutz, stellvertretender Vorsitzender des Kieler Yacht-Clubs, freute sich für die beiden jungen Crews im Performance Team: „Max und Linov und auch Freya und Maru haben ihr Bundes-Kaderkriterium ersegelt und sind damit bestmöglich für den weiteren Weg aufgestellt. Bei Bewertung der guten Leistung  von Maru und Freya kommt dazu, dass sie als einzige im deutschen Team nicht nur Corona bewältigen mussten, sondern auch einen erheblichen Trainingsrückstand hatten, da beide auch Vollzeit studieren bzw. studiert haben. Maru kann damit den Bachelor ablegen und Freya hat sich auf das Physikum vorbereitet“, so Lutz weiter. „Damit haben die beiden jetzt für den weiteren Weg hoffentlich nach Paris den Rücken und den Kopf zeitlich frei und können Gas geben.“

Die Wettkämpfe der Nacra 17 fanden ohne deutsche Beteiligung statt. Nach einem Unfall bei der EM in Aarhus, bei der ein Knie-Schleimbeutel perforiert wurde, muss die Vorschoterin Alica Stuhlemmer zurzeit eine Segelpause einlegen. Die Bronzemedaillengewinner von Tokio sind nicht zum Saisonhöhepunkt nach Kanada gereist. „Ich bin bei einer Wende mit dem Knie richtig blöd auf etwas gefallen, wahrscheinlich auf eine Klemme“, erinnert sich Alica. Das Team segelte sein Rennen weiter, die Platzwunde am Knie wurde abends im Krankenhaus genäht, aber die Schleimbeutelverletzung nicht erkannt. Erst eine Woche später – „mein Knie wurde nachts so dick, dass ich nicht mehr eigenständig laufen konnte“ – wurde die Entzündung diagnostiziert und beim Lubinus Clinicum in Kiel sofort operiert.
Nun ist Geduld gefragt: Schritt für Schritt tastet sich Alica wieder an die alte Beweglichkeit und Stärke heran, geht täglich zur Physiotherapie. Sobald die Experten am Olympiastützpunkt grünes Licht geben, starten Kohlhoff/Stuhlemmer zum Training ins Olympiarevier Marseille. Steuermann Paul Kohlhoff versucht derweil möglichst viel Regattapraxis in anderen Foil- und Katamaran-Klassen zu sammeln.
„Den wichtigsten Wettkampf des Jahres zu verpassen ist extrem schmerzhaft“, sagt die Bronzemedaillengewinnerin von Tokyo2020, „auch weil auf dem Nacra 17 technisch gerade so viel passiert. Aber wir haben mit dem finnischen und dem neuseeländischen Team zwei starke Trainingspartner, die beide die WM mitsegeln und uns auf dem Laufenden halten.“ Auch ihr Coach Marcus Lynch hatte zugesagt, in seiner Funktion als Olympic Performance Manager des German Sailing Teams die Nacra 17-Weltelite in Kanada gut im Auge zu behalten

Text: CW