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ORC: von der Mosel kommt - Schäfer scheidet aus

Der Offshore Racing Congress (ORC) hat bei seiner 51. Jahrestagung den Kurs für die kommenden Jahre abgesteckt und dabei eine aus deutscher Sicht bedeutende Vorstandspersonalie getroffen. Sail24.com berichtet dazu ausführlich.

Eckhard von der Mosel will in das ORC seine berufliche Erfahrung und Seesegel-Leidenschaft einbringen. foto: privat

Dr. Wolfgang Schäfer hat nach 26 Jahren als stellvertretender Vorsitzender sein Amt beim ORC abgegeben. Foto: segel-bilder.de

Dr. Wolfgang Schäfer, seit 26 Jahren im ORC-Vorstand aktiv, hat seinen Posten als Vize-Vorsitzender zur Verfügung gestellt. Eckhard von der Mosel wurde daraufhin auf Vorschlag von Wolfgang Schäfer neu ins Amt gewählt. Als Vize-Vorsitzender will der 65-jährige Jurist in dem Gremium vor allem den rechtlichen Bereich und die Stärkung des nordeuropäischen Raums übernehmen.

Der Rückzug von Wolfgang Schäfer aus dem Amt kam für das ORC überraschend. Doch der Lüneburger Arzt und erfolgreiche Farr40-Segler erklärte nach über einem Vierteljahrhundert ORC-Arbeit auf der online abgehaltenen Jahrestagung: „Diese 26 Jahre waren eine großartige Zeit mit Tiefs und Hochs, aber nicht ohne Erfolg und Verbesserung für das ORC. Jetzt wäre eine gute Zeit, zurückzutreten und die Tür für Jüngere zu öffnen. Das Leben ist wie eine Rennstrecke: Man sollte nicht den richtigen Moment zum Wenden oder Halsen verpassen. Deshalb möchte ich jetzt als Stellvertretender Vorsitzender zurücktreten und den Kongress bitten, Ecky von der Mosel zu meinem Nachfolger zu ernennen.“

Das ORC folgte dem Vorschlag und wählte von der Mosel einstimmig ins Amt. Der Kieler war Vorsitzender des ORC Race Management Commitee und bringt jahrezehntelange Erfahrung als Regatta-Organisator beim Kieler Yacht-Club mit – sowohl bei der Kieler Woche, internationalen Meisterschaften und der Ausrichtung des blueribboncup.

Die Wahl von Eckhard von der Mosel war von dem internationalen Vorstand bereits seit einiger Zeit angebahnt worden. Sowohl der Vorsitzende Bruno Finzi (Italien) als auch der Schatzmeister Patrick Lindquist (Finnland) hatten von der Mosel auf eine Bereitschaft zur Kandidatur angesprochen. Als dann Dr. Wolfgang Schäfer (Lüneburg) seinen Verzicht auf eine weitere Amtsperiode erklärte, wurde von der Mosel auf der 51. Jahrestagung des ORC Congress von den 56 Mitgliedern zum neuen Vize-Vorsitzenden gewählt.

„Ich habe große Lust an dieser internationalen Arbeit, und ich denke, ich kann vor allem in juristischen Fragestellungen Unterstützung geben. Das ORC ist ansonsten stark geprägt von Ingenieuren und aktiven Seglern“, sagt von der Mosel. Bereits seit 1999 ist der Kieler im ORC aktiv, ist seit 2000 Mitglied im Race Management Committee. „Ich habe mich vor allem um die Gestaltung der Messbriefe gekümmert, habe Fragen geklärt, wie die Daten dargestellt werden, damit der Messbrief für Wettfahrtleiter, Race Manager und Segler verständlich ist. Denn die Berechnung des Ratings ist inzwischen so komplex, dass sie nur noch von Experten zu durchblicken ist. Aber es ist wichtig zu entscheiden, welche Auswertungsmöglichkeit für welche Art von Event anzuwenden ist. Das ORC-Rating ist auf den ersten Blick zwar schwer zu durchschauen, aber tatsächlich ein perfektes Werkzeug für das Handicap-Segeln auf den unterschiedlichsten Revieren.“

Als aktiver Segler einer Luffe 44, ehemals auch mit Regatta-Ambitionen, wurde Eckhard von der Mosel geprägt durch die Leidenschaft eines Hans-Otto Schümann („Rubin“), eines Willi Illbruck („Pinta“) oder eines Norbert Lorck-Schierning („Jan Pott“), die durch das Engagement im ORC für den Selbsterhalt des Regattasports kämpften. Konstruktions- und Technik-Experten wie Fietje Judel und der im vergangenen Jahr verstorbene Boris Hepp machten von der Mosel mit den Tiefen der Vermessungsformel vertraut. „Ich schwimme da sicherlich im Fahrwasser von Wolfgang Schäfer.“

Doch nicht nur die Geheimnisse der Vermessung haben es dem 65-Jährigen angetan. Vor allem die Entwicklung der internationalen Beziehungen im Segelsport üben auf ihn einen großen Reiz aus. Beeindruckt ist er, wie sich Polen und insbesondere Estland in den vergangenen Jahren zu Top-Nationen im ORC-Bereich entwickelt haben. Daher geht er auch davon aus, dass die WM im kommenden Jahr vor Tallinn ein großartiges Event werden wird. „Für diese Internationalität setze ich mich gern ein. Das ist spannend, dazu habe ich große Lust.“ Und Eckhard von der Mosel kann dafür auch 25-jährige Erfahrung als Regatta-Organisator einbringen. Von 1994 an war er der Leiter der Seeregatten im Kieler Yacht-Club – mit der Kieler Woche, dem von ihm initiierten Blueribboncup und dem Höhepunkt, der WM 2014 vor Schilksee. Nach der Heim-WM gab er den Posten im KYC an Eckart Reinke, Stefan Kunstmann und Ralf Paulsen ab, kümmert sich aber weiterhin um den blueribboncup (BRC) und die Norddeutsche Immobilien Regatta (NoIR)

Seine neuen Aufgaben im ORC wird Eckhard von der Mosel nun mit dem weiteren ORC-Vorstand um den Vorsitzenden Bruno Finzi, Schatzmeister Patrick Lindquist sowie die ebenfalls neu gewählten Vize-Vorsitzenden Thomas Nilsson (Norwegen) und Akis Tsalikis (Griechenland) abstimmen: „Eine fast logische Aufgabe ist durch meinen Beruf die Übernahme von Aufgaben im juristischen und Regelbereich. Aber ich möchte mich auch gern für den nordeuropäischen Raum engagieren, zu Bewerbungen für die Austragung internationaler Meisterschaften anspornen.“ Denn der Erfolg des ORC hängt auch vom Erfolg der Großevents ab, und dafür müssen potenzielle Ausrichter einige Kriterien erfüllen: „Die Auswahl hängt davon ab, dass der Ort eine gute Infrastruktur bietet, gut zu erreichen ist und über eine erfahrene Wettfahrtleitung verfügt. Aber es gehört viel Arbeit dazu, um zu erfahren, warum ein Ort gern angesteuert wird.“

In diese Arbeit will sich von der Mosel nun stürzen – über Online-Netzwerke, die sich inzwischen mit den ORC-Verantwortlichen im Ostseeraum gut entwickelt haben. Wichtig dabei ist, dass sich der Kieler der Unterstützung seiner Ehefrau Dina sicher ist. Sie ist selbst begeisterte Seglerin, genießt die kurzen Segeltörns mit einem Zugvogel auf dem Plöner See und die Ostsee-Urlaube auf der Luffe 44, am liebsten an der schwedischen Ostküste in der Schärenwelt bis hinauf nach Stockholm.

Im Rückblick auf 2020 musste das ORC, dem inzwischen 35 Länder angehören, zwar den Verzicht auf sämtliche internationale Meisterschaften verkraften. Damit ging auch ein Rückgang der ORC-Zertifikate um 24 Prozent einher. Doch laut dem Schatzmeister Patrick Lindquist (Finnland) ist der der Verband finanziell solide aufgestellt. Und untätig waren die ORC-Verantwortlichen in der abgelaufenen Saison nicht. 15 Vorschläge zur Verbesserung der Vermessungsformel gingen ein. Designer, Programmierer und Technologie-Experten sind inzwischen damit beschäftigt, sowohl Foil-Konfigurationen in die Formel einzuberechnen als auch eine ORC Multihull Rule (ORC mh) zu erstellen, die in der kommenden Saison versuchsweise angewendet werden soll. Weitgehend unverändert werden dagegen die ORC-Formeln für die Einrümpfer und Superyachten bleiben.

Text: Ralf Abratis / sail24.com