Navigation und Service

Ausbildung

Auch ein langer Sommer geht vorbei…

Ein Hauch von Frühling liegt in der Luft. Langsam werden die Saisonvorbereitungen heißer, die ersten Meldungen sind erfolgt. SG-Mitglied Christian Kock berichtet von seiner letzten "großen" Herausforderung der vergangenen Saison.

Eine sich dem Ende neigende Segelsaison regt immer eine gewisse Unruhe in mir… Wie lange wird die segelfreie Zeit dauern und wie überbrückt man die Zeit? So oft es geht versuche ich die Saison zu verlängern, indem noch eine Yachtüberführung mit 170 sm Richtung Osten auf dem Programm steht, wenn andere schon ihre Masten gezogen oder das Unterwasserschiff von Muscheln befreit haben.
Aber auch dann muss nicht Schluss sein!
Am letzten November-Wochenende, eine Woche vor dem großen Ereignis packe ich erstmalig meine Klamotten. Training ist angesagt. Man geht ja nicht unvorbereitet in eine Regatta! Lange Unnerbüx, dünne Socken (haben sich erstaunlicherweise als wärmer in den Stiefeln erwiesen als dicke Strümpfe!) mehrere Lagen Fleece obenrum, Salopette, Spraytop, Handschuhe, Mütze, Rettungsweste und anderer Tüddelkram.
Auf dem Weg Richtung Süden im Auto überlege ich, wann ich das letzte Mal einhand gesegelt bin – vor allem Regatta. Vor ein paar Wochen – irgendwo zwischen Svendborg und Stubbeköbing während eines Törns - bekam ich noch klassenspezifische Trim-Tips von einem Segelkameraden, der seine Tochter ebenfalls bestmöglich auf Regatten vorbereitet. Meine eigenen Erfahrungen in der Klasse liegen lange zurück… sehr lange!
Angekommen im gastgebenden Yachtclub werde ich freundlich begrüßt vom Organisator der Regatta und den heutigen Trainern. Das Zahlenverhältnis zwischen „Offiziellen“ und Teilnehmern ist ausgewogen … 5:4. Das Gefühl der Vernachlässigung wird nicht aufkommen. Bevor es zur Theorie geht sollen die Boote vorbereitet werden: Und endlich präsentiert sich die Einhand-Herausforderung vor mir: 2,30 Meter lang, 1,13 Meter breit, 3,5 Quadratmeter Segelfläche. Ein Optimist! Und genau der werde  ich auch sein müssen, um meine 1,90 Meter und 82 Kilo in dieses Boot zu falten, vor allem beim Wenden und Halsen. Der Opti ist seit nunmehr 50 Jahren das auswählte Fortbewegungsmittel der „Eisarsch-Aspiranten“ zur alljährlichen Regatta auf der Wakenitz, veranstaltet vom Lübecker Yachtclub. Aber nur für „männliche Eisarschaspiranten mit einem Mindestalter von 25 Jahren“ – so will es die Segelanweisung der Eisarschgilde v. 1969, welche sich als „Körperteil des LYC“ bezeichnet.
Rumpf aus dem Regal heben, aufriggen („Spriet immer nach Steuerbord!“), umziehen. In der Bootshalle gibt es eine kurze Einweisung in die Besonderheiten der Eisarschregatta, der Wakenitz als Revier im allgemeinen, das heutige Trainingsprogramm und eine „etwas“ längere in das diesjährig erstmalig durchgeführte Startverfahren des modifizierten Gate-Starts. Die Erläuterungen hierzu bringt uns kein geringerer als Walter Mielke nahe, Mitglied des DSV-Präsidiums und langjähriger Wettfahrtleiter der Travemünder Woche. „Etwas länger“ werden diese Ausführungen durch die vorgebrachte Kritik und damit einhergehende Diskussion eines langjährigen Eisarschaspiranten („… damals in den 70ern, als wir …“), der die Einführung als groben Traditionsbruch ansieht. Nunja … ich nehme es sportlich – wenn da die sich dem Horizont nähernde Sonne nicht wäre!
Endlich geht es in die Boote! Vier Optis beladen mit vier erwachsenen Männern gleiten langsam bei einem Hauch von Wind auf die Wakenitz. Drei Trainer in zwei Schlauchbooten umgarnen uns. Starts sollen nun wie vorab besprochen praktisch geübt werden. Starten ist das eine, seine Gliedmaßen auf dem begrenzten Raum zu sortieren sehe ich als größere Herausforderung an! Die Großschotführung ist gerade bei Wenden unvorteilhaft, weil ich nicht weiß, wo ich den Teil meines Körpers oberhalb der Gürtellinie unterbringen soll, ohne mich in der Schot zu verfangen und trotzdem den Baum in seine neue Position schwenken zu lassen. Dass die Pinne am Hintern hängen bleibt ist da weniger ein Problem. Eher zum Problem wird es, dass man bei wenig Wind und einem solch kleinen Boot deutlich merkt, wie sehr Unruhe im Boot ein Geschwindigkeitfresser ist. Die gewohnten 41 Fuß sind da deutlich unempfindlicher ….!
„5…4…3…2…1…Start!“
Mist! Eigentlich war die Startlinie doch ganz nahe – aber nur eigentlich. Das war wohl nichts.
Nach dem Erlangen von mehr und mehr Bootsgefühl und ein paar weiteren „normalen“ Starts wird auch der Gate-Start geübt. Als Pathfinder wird – wie auch bei der Regatta selbst - ein Schlauchboot fungieren. Nach einigen Wiederholungen stellen sich erste taktsiche Fragen. Lieber weiter in Luv starten, dafür später über die Startlinie oder doch früher, aber dafür weiter in Lee? Die Beantwortung ist sicher abhängig vom Wind am Regattatag. Heute hält er sich doch sehr zurück, dennoch wird eines deutlich: Das Opti-Rigg reagiert sehr sensibel auf Trim und nicht optimale Segelstellung. Das Beobachten des Segels ist nicht leicht bei irgendwie gekrümmter Körperhaltung. DieTrimfäden am Vorliek erweisen sich als sehr hilfreich!
Die Dämmerung kündigt sich an! Wir verholen uns an Land, basteln die Sportgeräte wieder auseinander, klaren alles auf und finden uns zu einer kurzen Manöverkritik ein. Haben wir was gelernt? Auf alle Fälle! Und eine Erfahrung war es auch, eine neue, alte Erfahrung. Ich habe nachgerechnet, mein Jüngstenschein müsste 36 Jahre her sein …
Sieben Tage später, selber Ort, Lübecker Yacht Club, Clubhaus an der Wakenitz mit Blick auf die sieben Kirchtürme der Lübecker Innenstadt. Wildes Treiben rund ums Clubhaus. Jede Menge Optis, Glühwein- und Bratwurststand, wasserseitig spielt eine Jazz-Kombo auf und sorgt für Kurzweile.
Nachdem mir mein Opti zugewiesen wurde, geht es zum traditionellen Wiegen: Das Startgeld wird vor Ort anhand der Vermessungsformel € 0,25 x Körpergewicht in kg = Startgeld berechnet. Wie gewogen wird, regelt ebenfalls die Segelanweisung: Draußen und mindestens mit Badehose bekleidet! Und das mit einer vom Vorbau hängenden Waage, an der unten eine Art Schaukelbrett befestigt ist, auf dem man halb sitzt, halb hängt. Aber auf ein Kilo mehr oder weniger kommt es nicht an, es wird sowieso großzügig aufgerundet („Eure Waage ist kaputt!“) und der Erlös kommt der Jugendabteilung zugute – passt!
Nach dem ersten Glühwein geht es ans Aufriggen und Umplünnen. Rechts und links einige Fachgespräche unter Anfängern („Spriet immer Steuerbord“) und langjährigen Wiederholungstätern mit ausgeprägter Boots- und Revierkenntnis. Auch bei der am besten geeigneten Bekleidung gehen die Meinungen auseinader: Neopren wie im Skiff, Offshore-Klamotte wie auf See oder olle Segeljacke aus den 70ern. Vertreten ist alles … Bei der Steuermannbesprechung wird nochmals der für diese Veranstaltung neue Gate-Start erklärt und anschießend gehen rund 60 Optis aufs Wasser. Die Startmethode erfüllt ihren Zweck und verhindert Fehl- und Neustarts sowie Rückrufe, so dass es pünktlich auf die Bahn geht. Das Wetter war zwar freundlich, allerdings hätte es Rasmus etwas besser mit uns meinen können. Aber auch darauf ist ein Teilnehmer vorbereitet. Auf dem Vorwindkurs spannt er einen großen Sonnenschirm mit Eiswerbung als Spinnaker-Ersatz auf.Gebracht hat es seglerisch nichts, aber es hat seinen Showeffekt, ebenso wie das Pinguin-Kostüm oder andere Verkleidungen und Talismänner wie blinkende Miniatur-Weihnachtsbäume anderer Mitstreiter.
Auf den drei Runden zieht sich das Feld immer weiter auseinander, bis letztlich das Tuten beim Passieren der Ziellinie publikumswirksam direkt vorm Clubhaus ertönt. Die Änderungen im Startverfahren haben  auch Abwechslung in die Ergebnisse gebracht, wie ein Blick in die ewige Eisarsch-Bestenliste zeigt. Die „üblichen Verdächtigen“ sind  leer ausgegangen. Dieses Mal  ging ein Vater im vom Sohnemann geliehenen Boot zuerst über die Linie – und das bei seiner erst zweiten Teilnahme.
Der späte Nachmittag bis zur Siegerehrung klingt dann gemütlich im ersten Stock des LYC-Clubhauses aus. Geehrt werden nicht nur der Sieger mit einer Eisarsch-Trophäe (ja, sie sieht auch so aus!), sondern ebenso der beste Auswärtige, der beste Club, die Grufties, das beste Vater-Sohn-Gespann, bester Holzopti… und neben weiteren auch die „Rote Laterne“. Nicht zu vergessen, der älteste Teilnehmer, der sich das kauernde Opti-Segeln selbst mit 82 (!) Jahren nicht nehmen lässt.
In kleiner Runde genießen wir noch zusammen mit Familie und Kindern bis in den späten Abend den Blick über die weihnachtlich beleuchteten Kirchtürme Lübecks, während der LYC-Wirt noch fürs leibliche Wohl sorgt und wir beim ein oder anderen Bier Pläne fürs nächste Jahr schmieden – die Saison ist jetzt wohl wirklich vorüber ...
Was bleibt, ist das kleine, gravierte Glas für die heimische Vitrine und die schönen Erinnerungen als Saisonabschluss an eine tolle und kurzweilige Veranstaltung, diese 50. Jubiläums-Eisarschregatta, die nach wiederholter Teilnahme schreit. Der Dank gilt dem Organisationsteam des Lübecker Yacht Club rund um Jan Stemmler. Wir kommen wieder!

Text und Bilder: Christian Kock