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Vom Bergsee zur IDM-Bronze

Attersee/ Berlin. Unsere jungen Segler im 49er, Philipp Royla (20) und Tom Heinrich (21), Mitglieder im Nachwuchskader des German Sailing Teams, berichten, wie sie das Segeln in die Flaute übten und „ohne Prio“ zur deutschen Bronzemedaille im 49er kamen:

(c) Alex Schwarz Photography

(c) Till-Jonas Gernegroß

(c) Alex Schwarz Photography

(c) Till-Jonas Gernegroß

Nach der Deutschen Juniorenmeisterschaft und der Kieler Woche liegen nun weitere zwei Regatten hinter uns. Zuerst segelten wir die Europameisterschaft der 49er, 49erFX und Nacra 17 am österreichischen Attersee. Dies war für dieses Jahr unser Hauptwettkampf, auf den wir versucht haben, uns bestmöglich vorzubereiten. Wir entschieden uns aufgrund der aktuellen Corona-Lage möglichst spät aus Kiel abzureisen und die noch sommerlichen Bedingungen vor Schilksee für unsere letzten Trainingsstunden zu nutzen. Dabei versuchten wir, möglichst unsere Trainingsmethoden an die Anforderungen am Attersee anzupassen. Durch ein wenig Recherche über den See konnten wir uns ganz gut auf den zu erwartenden Wind einstellen. Eigentlich gibt es dort nur zwei Optionen. Entweder entsteht eine Thermik, der sogenannte Rosenwind (wobei sich nicht einmal die Locals einig sind, ob es diesen wirklich gibt) oder es gibt Gradient-Wind. Der Gradient ist hier bekannt dafür, extrem drehend und unbeständig aus den Bergen kommend, zu sein. Somit fühlten wir uns einigermaßen vorbereitet und gingen mit einem guten Gefühl an den Start. Tatsächlich konnten wir vor Regattabeginn noch einen wirklich tollen Segeltag erleben, der uns Hoffnung auf gute Rennen machte.
In der Qualifikations-Phase erwarteten uns dann allerdings die beschriebenen Gradient-Winde, die es der Wettfahrtleitung extrem schwer machten. Wir segelten dennoch drei Rennen bei wirklich extremen Bedingungen. Es war unmöglich etwas auf dem Wasser zu sehen, um den nächsten Dreher vorherzusagen oder die nächste Böe zu erreichen. In Österreich sagt man, dass Segler vom Attersee nur am Attersee segeln können, da man wohl möglichst in die Flaute segeln muss, um eine Chance auf frischen Wind zu bekommen. Jedenfalls taten wir uns sehr schwer und segelten mittlere Platzierungen. Durch einen Situation am ersten Ziel, bei der ein Protest an uns weiter gereicht wurde, bekamen wir noch einen DSQ dazu. Ein ziemlich schlechter Start in die Regatta.
Wir segelten dann leider nur noch drei weitere Rennen an zwei Tagen, in denen wir es nicht mehr schafften, in die Gold-Flotte zu gelangen. An den letzten drei Tagen betrieben wir dann noch ein wenig „Ergebnis-Kosmetik“ und beendeten die Regatta auf dem 35. Platz. Es wäre deutlich mehr drin gewesen, vor allem da die Top 10 der Welt sich in Cascais bei traumhaften Bedingung auf Tokio vorbereiteten. Im Nachhinein können wir für uns sagen, dass wir an sich gut gesegelt sind, allerdings einige Probleme im strategischen Ansatz hatten. Bei derart unkonstanten Bedingungen kann man einfach nicht wissen, was als nächstes passiert und muss sein Glück auf den Seiten herausfordern. Trotzdem war es eine genial organisierte Veranstaltung durch den Union Yacht Club Attersee, mit vielen freundlichen Helfern, die uns die Zeit an Land angenehm gestaltet haben.

Direkt von der EM ging es für uns dann mit den Transporten nach Berlin an den Wannsee. Es stand die Internationale Deutsche Meisterschaft der 49er für uns an. Das ist ein Event, das in unserer Prioritäten-Planung nicht an allererster Stelle steht. Trotzdem ist es natürlich immer eine spannende Regatta.
Wir sind am Montagabend mit den Booten angekommen und haben dann am nächsten Morgen alles aufgebaut. Etwas im Stress starteten wir die Regatta um 13 Uhr. Die Bedingungen waren so wie zu erwarten, leichter Wind, viele kleine Böen und Dreher. Aber insgesamt war der Wind für uns deutlich einfacher vorherzusehen, als auf einem Bergsee. Es war klar, wenn der Wind links dreht, dreht er auch wieder rechts. Damit haben wir auf eine konservative Strategie durch die Mitte des Kurses gesetzt. Wichtig dabei ist, alle Dreher mitzunehmen und sich perfekt in die von Land kommenden Fächerböen zu platzieren. Wir sind dann direkt als zweites Boot ins Ziel gekommen, wodurch unser Ansatz bestätigt wurde. Leider wurde uns dann mitgeteilt, dass wir den Kurs nicht richtig abgesegelt sind. Vor dem Ziel mussten wir ungewöhnlicherweise noch einmal durch das Gate. – Ein ziemlich doofer Anfängerfehler, sich die Kursskizze vorher nicht anzuschauen! Das ist auch nicht durch den vorherigen Zeitstress zu entschuldigen. Glücklicherweise machten die Top 4-Boote alle denselben Fehler. Entsprechend schmerzte es nicht allzu sehr. Die weiteren Rennen am ersten Tag konnten wir als zweite und dritte beenden. 
Tag zwei war sehr ähnlich zu Tag eins, wieder kam es darauf an, richtig in die Böen zu wenden und sich von anderen Booten, die den Rhythmus stören könnten, fern zu halten. Wir segelten sehr konstant unter den Top drei, mussten allerdings ein weiteres Mal ein Rennen im Nachhinein aufgeben, da wir im Eifer des Gefechts um Platz eins übersahen, dass eine Ersatz-Bahnmarke gelegt worden war. Wir fuhren wieder als zweite in Ziel und wieder waren auch unsere führenden Kontrahenten falsch gesegelt. Insofern ärgerten wir uns natürlich. Letztlich war es aber durch unsere konstante Serie nicht allzu schlimm, da wir noch in Schlagdistanz zu Platz eins und zwei waren.
Am dritten und letzten Tag konnten wir unsere Top drei-Serie weiter führen, mit den Plätzen zwei, eins und drei. Unsere direkten Gegner haben sich keine groben Fehler mehr erlaubt. So konnten wir nicht mehr angreifen und schlossen die IDM auf Platz drei ab.
Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit unseren gesegelten Wettfahrten. Jeder, der schon einmal am Wannsee gesegelt ist, kann bestätigen, dass es alles andere als einfach ist und man auch wirklich mal daneben liegen kann.
Wir haben es geschafft, unseren Fokus aus dem Boot zu bekommen, wodurch wir alle Böen und Dreher im Vorhinein antizipieren konnten und somit vor allem auf den Kreuzen sehr stark gesegelt sind. Dabei hilft es uns immer möglichst viele Informationen auf dem Boot auszutauschen und gemeinsam Pläne zu schaffen.
Jetzt hoffen wir darauf, dass wir unser Winter-Programm wie geplant angehen können, ohne dass wir durch die ja leider ansteigenden Corona-Zahlen daran gehindert werden. Zuerst soll es an den Gardasee gehen, wo wir bei hoffentlich viel Wind an unserem Handling, vor allem in den Halsen arbeiten können. Danach geht es weiter nach Vilamoura, wo wir den Grand-Prix mit hoffentlich super Beteiligung segeln werden. Wir freuen uns auf bessere, konstantere Bedingungen und hoffen, dass die Lage sich entspannt, sodass alle geplanten Events unter den Hygieneregeln stattfinden können.

Viele Grüße, bleibt gesund!
Tom & Philipp // GER 115