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Bestes deutsches Ergebnis seit Langem

Cowes/ Plymouth. Tilmar Hansens neue „Outsider“ fuhr mit Skipper Bo Teichmann mit Platz 4 der Gesamtwertung das beste deutsche Ergebnis seit Langem ein. Starker Auftritt für den Kieler Yacht-Club e.V. mit Clubschiffen, Crew und vor Ort beim Rolex Fastnet Race.

„Bis auf eine kurze Flaute in der Transition Zone zwischen zwei Druckgebieten hatten wir immer Wind. Es war ein sehr schnelles Rennen mit ordentlich Welle“, erklärt Stefan Kunstmann, Mitglied der Schulungsgruppe des KYC, aktuell für den Royal Ocean Racing Club verantwortlicher Race Officer vor Ort. Das Rennen übt eine ungebrochene Anziehungskraft auf Profis wie Amateure aus. Die ausgeschriebenen Startplätze waren am 7. Januar binnen vier Minuten und 37 Sekunden nach Öffnung des Meldeportals vergeben. Bei der 48. Auflage des legendären Rennens um den Fastnet Rock sind 388 Boote mit über 3.000 Teilnehmern aus aller Welt gestartet.

Der Startschuss der Regatta ertönte am Samstag, 4. August um 12.30 Uhr Ortszeit. Für die Rekordflotte ging es dann wie alle zwei Jahre seit 1925 rund 605 sm westwärts den Ärmelkanal entlang über die Keltische See hin zum Fastnet Rock. Nach dessen Rundung ging es Kurs Süden, Richtung Bishops Rock, dann weiter zum Ziel in Plymouth.

IRC Z: OUTSIDER
„Wir erwarteten ein Leichtwindrennen, so dass wir mit 12, statt wie gewöhnlich 13 bis 14 Mann Crew gestartet sind. Da fehlte uns natürlich Gewicht auf der Kante und Stabilität.““, berichtet Tilmar Hansen, Eigner der „Outsider“ „Unsere Crew ist auch in Vollbesetzung in der Regel voll eingebunden: Die TP 52 ist ein Schiff, das nicht vergibt. Wir müssen kontinuierlich trimmen, um ihr Potential auszuschöpfen. Die Power bei den Manövern und das Gewicht auf der Kante haben unter den herrschenden Bedingungen natürlich gefehlt.“
Ob sie es bei der Aufstellung aufs Treppchen hätten schaffen können? „Ja, einen halben Platz kann man wohl immer herausholen“, überlegt Hansen, der bereits zum 5. Mal mit einer „Outsider“ beim Fastnet Race startet. „Praktisch sind wir etwas der scheinbaren Exaktheit unserer Routingprognose aufgesessen. Der 40-Grad-Linksdreher kam eine Stunde später als vorhergesagt. Da haben wir die Führung an die „Tala“ verloren. Und natürlich hätten wir mehr Zeit in die Vorbereitung vor Ort und das Ausprobieren unserer neuen Segel und Beschläge vor Ort investieren müssen“, berichtet der Admiral’s Cup-Sieger 1983/ 1985.
Die neue „Outsider“ mit dem Judel/Vrolijk-Design mit der Offshore-Modifikation ist erst seit drei Wochen im Wasser. Vor dem Startschuss hatte die Crew nur zwei gemeinsame Trainingstage, um sich auf die Prüfung in der Keltschen See vorzubereiten. Für sie spielten die Bedingungen: Wind und Wetter waren bei dieser 48. Auflage des Rolex Fastnet Race für Boote in der Größe der neuen TP52 wie gemacht. Das nutzte Hansen mit   der Kiel-Hamburger Crew um Skipper Bo Teichmann, Top-Navigator Robin Zinkmann,  Pitboss Holger Nehling, Großsegelfahrer Christoph Paschke, die TrimmerJan Terveer und Stefan Matschuk die GrinderTobias Peters und Marko Schönfeldt als Floater mit Unterstützung dreier Volvo Ocean Race-Segler aus Neuseeland und Polen souverän aus und präsentierte  auf dem KYC-Boot für eine konzentrierte wie formidable Leistung. Die Ziellinie überquerte die TP52 knapp 44 Minuten nach der Drittplatzierten Botin Irc 52 „Tala“. Damit ist sie in der Gesamtwertung das bestplatzierte Boot seit Langem.
Die nächsten großen Herausforderungen für die Outsider liegen jenseits des Atlantik: Im Februar 2020 wird die Crew auf der RORC Caribbean 600 starten. Im Herbst lockt die IRC/ORC World Championship in Newport, Rhode Island. “Wir freuen uns sehr darauf, wieder in einem der klassischen Zentren des Yachtsegelns zu starten. Newport ist wie Kiel und Plymouth ein Ort, wo die Menschen Salzwasser atmen.“

IMOCA 60: MALIZIA II
Mit der Malizia II erreichte Boris Herrmann double handed in der Imoca-Klasse als erstes Boot, das nicht unter französischer Flagge startete, das Ziel. „Wir wollten schon weiter vorne in Podiumsnähe landen“, meinte Boris Herrmann, „haben an zwei, drei Stellen Pech mit unserer Taktik gehabt und falsch gelegen.“ Vor allem am ersten Abend des Rennens, als das gesamte Feld in eine Flautenzone fuhr, sei unklar gewesen, wo der vorhergesagte Südwestwind als Erstes einsetzen würde. Auf dem von ihm gewählten südlicheren Kurs dauerte es eine Weile, während die Konkurrenz im Norden dichter an der Küste offenbar zeitweise noch von einer unerwarteten nördlichen Strömung profitierte. Zwischenzeitig wurde die „Malizia“ nur in der zweiten Tabellenhälfte der 20 Open 60 der IMOCA-Klasse hochgerechnet. Doch das Duo Herrmann/Harris kämpfte sich wieder nach vorne. „Wir haben gut harmoniert, alle Manöver sehr gut geklappt, und es gab trotz teils starker bis stürmischer Winde keinerlei Materialprobleme“, resümierte der Skipper. Die Spitzengeschwindigkeit betrug bis zu 34 Knoten, rund 63 km/h. „Insofern sind wir unterm Strich zufrieden.“
Viel Zeit zum Durchatmen bleibt Boris Herrmann die nächsten Tage nicht. Er kehrt für ein paar Tage in die Heimat zurück und wird sich zugleich um das Wetterrouting für die geplante, vollkommen emissionsfreie Atlantiküberquerung mit Greta Thunberg kümmern.
Im November 2020 startet er bei der härtesten Solo-Regatta nonstop um die Welt, der Vendée Globe. Das hat seit der Premiere in 30 Jahren zuvor noch kein Landsmann geschafft. Doch der 38-jährige plant schon weiter: Ein Jahr später steht das Ocean Race auf seinem Programm. Das unter dem Namen Whitbread Round the World Race entstandene und als Volvo Ocean Race bekannt gewordene Rennen wird mit Mannschaften über mehrere Etappen ebenfalls rund um die Welt gesegelt und gilt genauso als Kronjuwel im Hochsee-Kalender. Der Hamburger hat für den Start mit einer jungen, deutsch-internationalen Mixed-Crew auf der 18 Meter langen, deutschen IMOCA-Open60-Yacht „Malizia“ bereits beim Veranstalter gemeldet und wurde als Teilnehmer offiziell akzeptiert und registriert.

IRC I A + B
„Eine besondere Herausforderung war sicher die Welle“, erklärt Timo Schmidt, Navigator auf der Zukunft IV. „20 bis 25 Knoten Wind erscheinen nicht viel, wenn man von der Ostsee kommt“, pflichtet ihm Martin Görge, Taktiker des KYC-Schiffs „Desna“, bei: „Auf der Keltischen See wirkt das gleich wie ein bis zwei Windstärken mehr.“ Durch den Schwell des Atlantiks bauten sich, so die Teams, Wellen um die vier Meter auf. Hinzu kam der starke Strom. Konditionen, die so manchen und manche „kalt“ erwischten. Gutteile der Crews litten unter Seekrankheit, waren nur sehr begrenzt einsatzfähig. „Ich habe großen Respekt vor allen, die diese Regatta bis zum Ende gesegelt haben“, so Görge. „Nässe, Kraftanstrengung und Müdigkeit haben die Mannschaften stark gefordert.“
In der IRC 1A segelte die Swan 56R Joh. W. von Eickens „Latona“ auf Platz 11, gefolgt von dem Performance Cruiser Sven Wackerhagens, „Desna“, auf  Platz 12 und der DK 46 „Tutima“ auf Platz 15.

Latona
„Wir sind mit unserer Crew um Skipper Dr. Benjamin Hub zu weiten Teilen schon 2018 gemeinsam auf die Atlantic Anniversary Regatta gestartet. Das hat uns natürlich viel Routine gebracht“, berichet Finn Süverkrüp, Wachführer und Steuermann auf der Latona. „Wir starteten zunächst unter vollem Groß und A3, kamen mit direktem Anlieger schnell aus dem Solent und gut durchs Feld. Von den Needles über die Scillys bis zum Fastnet Rock frischte es bis auf 32 Knoten auf.“ Dadurch war die Fahrt der Latona durch die Keltische See von vielen Vorsegelwechseln, Ein- und Ausreffen geprägt. „Wir konnten ab hier wie auch im weiteren Rennverlauf immer den Kurs anlegen. Deshalb wurde es ein durchweg schnelles Rennen im Vergleich zum 2017-er Fastnet.“ Weiter berichtet er: „Vom Rock bis zu den Scilly Islands reachten wir noch mit unserer Jib Top, wie schon im gesamten Rennen Seite an Seite mit der „Broader View“. Den Gleichstand konnten wir auf dem späteren Downwindkurs leider nicht mehr halten: Unsere Swan ist nur mit sehr viel Gewalt in den Surf zu bringen.“ Nach zwei Tagen, 22 Stunden und 42 Minuten durchlief die Latona unter Gennaker und bei bestem Wetter als erstes KYC-Schiff in der Gruppe IRC 1 A die Ziellinie. „Wir sind durchaus zufrieden mit unserer Performance, da wir das Schiff sauber und heil über die Bahn gebracht haben. Am Ende reichte dies für einen 77. Platz im Gesamtranking“, freut sich Süverkrüp.

Desna
„Wir waren in verschiedenen Abschnitten unterschiedlich gut“, überlegt Martin Görge, der mit Skipper und Eigner Sven Wackerhagen und dessen Sohn Johannes gesegelt war. „An der englischen Südküste waren wir in den Top 5, an der Spitze von Land‘s End Führer unserer Gruppe.“ Da entschloss sich die Crew, weiter auf Angriff zu setzen, wählte die Nordroute um die Scilly Islands herum. Erfolgreich. In der keltischen See dann kam die Feuerprobe. Die Wettervorhersage war zu optimistisch gewesen. Bei heftigeren Konditionen als erwartet fuhr die Crew viele Manöver, verlor Zeit durch Segelwechsel. Dadurch kam die „Desna“ dann zu spät am Fastnet Rock an, um noch die günstigen Winde mitnehmen zu können, die die „Broader View“ gen Südost gepustet hatten. Statt des komfortablen, schnellen Raumschot-Kurses fuhr die „Desna“ mit 70 bis 90 Grad zum Wind. Keine Idealbedingungen für den Performance Cruiser Ab den Scilly Islands konnten sie noch einmal Plätze gutmachen. Unter Gennacker mit bis zu 18 Knoten Speed over Ground segelten sie sich nach vorn. „Insgesamt können wir mit Platz 12 mehr als zufrieden sein“, findet Görge. „Ja, wir hätten uns noch besser vorbereiten können. Nichtsdestotrotz: Wir haben gemeinsam eine große Herausforderung gemeistert.“

Zukunft IV
In der Gruppe der IRC 1 B ersegelte die „Zukunft IV“, dem Flaggschiff der Kieler Yachtschule, Platz 14. „Wir hatten zwischenzeitlich schon zu kämpfen. Gerade in der 2. Nacht brauchte es hohe Konzentration und viel Zuversicht“, Jan Focken Oswald, Skipper der „Zukunft IV“  In der Keltischen See war es rauh. Auch das 52-Fuß-Flagschiff der Kieler Yachtschule pflügte nicht so souverän durch die Wellen, wie man es aus dem Heimatrevier gewohnt ist. „Ich bin sehr stolz auf unsere Crew, dass wir es gemeinsam geschafft haben. Wir haben hervorragend harmoniert“, so Oswald. „Auf diese Bedingungen kann einen keiner vorbereiten.“ Unter den 14 Crewmitgliedern der „Zukunft IV“ aus Yachtschülern und Mitgliedern der Schulungsgruppe im Alter zwischen 16 und 38 Jahren waren drei “ Fastnet-Veteranen“ an Bord, Skipper Oswald, Navigator Timo Schmidt (31) und Nis Hamer (21). Wachführer waren Kim Magnussen (26), die das  Flaggschiff der Kieler Yachtschule schon durch verschiedene Regatten – und bis nach England – gesteuert hat und Niklas Schubert (20), Obmann der Kieler Yachtschule. Die Crew wurde komplettiert durch Vincenz Lucian Schulte (16), Malte Johannes Ritgen (17), Virgil Berndt (18), Mittja Hetwer (29), Ricarda Elise Ruppersberg (22), Johannes Müller (22), Tom Lennard Schulte (22), Nadja-Isabel Schmidt (23) und Johannes Rasch (24).
Einen „Lebenstraum“ hatte Magnussen in der Pressekonferenz die Teilnahme am Fastnet Race genannt. Ist der Traum zum Alptraum geworden? „Nein“, lächelt sie. „Jan und Timohaben mit ihrer Fastnet-Erfahrung Ruhe ins Schiff gebracht. Als Mannschaft haben wir klasse zusammengehalten, uns gegenseitig unterstützt und gemeinsam Vollgas gegeben.“

Was bleibt vom Rennen?
„Das Wissen, eine der größten Herausforderungen gemeistert zu haben, die das Offshore-Segeln zu bieten hat“, findet Niklas Schubert. „Starke Eindrücke, vom Zusammenhalt der Crew über die Intensität von Wind und Welle bis hin zu postkartengleichen Bildern. In der ersten Nacht hatten wir Meeresleuchten. Unser Schiff wurde von Delphinen begleitet. Sie waren neben uns, um uns, Tag und Nacht“, erinnert sich Katharina Sopie Tietz an ihre Fahrt auf der Tutima. Und was kann jetzt noch kommen? „Der Atlantik natürlich“, grinst Ricarda Ruppersberg von der Kieler Yachtschule.


Fotos © Rolex/ Kurt Arrigo, © KYC/ Carina Wegner, ©Sven Jürgensen/ Team Outsider, © KYC/KYS & SG
Text: Carina Wegner