Auf nach St. Petersburg

Die Ostsee war uns zwar als Heimatrevier in den meisten Teilen bekannt, aber dennoch gab es für die Schulungsgruppen-Flotte in diesem Revier einen weißen Fleck, der bisher nicht erkundet worden war. Am äußersten Ende des Finnischen Meerbusens St. Petersburg anzulaufen, war selbst in den vier Baltikum-Reisen seit 1997 nicht gelungen. Diesen weißen Fleck wollten wir in diesem Sommer endlich tilgen.
Gemeinsam mit der Aegir startete die Reisensaison daher am 28. Juni in Kiel. Unsere Crew aus Jan-Dirk Tenge, Gerda Schliemann, Catharina Prien, Ingo Herrmann und Jürgen Wilckens schlug sich daher beim Beladen des Schiffes erst einmal mit den Widrigkeiten des Kieler Woche-Betriebes am Hindenburgufer herum. Nachdem der Verkehrsstau am Freitag überwunden war, mussten Ausrüstung und Verpflegung durch die Menschenmengen am Hindenburgufer gebracht werden. Das dauerte bis in den Abend. Die Aegir, die weniger zu stauen und organisieren hatte, lief daher auch am selben Abend gegen 23 Uhr aus, und wir teilten uns noch einmal auf, um zu Abend zu essen, zu duschen oder nur etwas auszuruhen.
Mit der Crew um Jens Otto Leisse hatten wir ein Rendezvous in Kalmar verabredet, um dort das Endspiel der Fußball EM zu sehen.
Um 04:15 macht die Arndt daher bei schwachem Südwind und einsetzendem Nieselregen am Samstagmorgen los. Der Wind trug uns in stark wechselnden Stärken, aber insgesamt immer aus einer achterlichen Richtung, bis Sonntag Nachmittag in die Hanöbucht, wo wir beschlossen, erst einmal Karlskrona anzulaufen, da das Ziel Kalmar - das Fußballspiel Deutschland gegen Spanien - nicht mehr zu erreichen war. Wir dachten, wir würden die Aegir dann am nächsten Tag dort treffen. In Karlskrona angekommen meldeten wir uns bei Jens Otto telefonisch und erfuhren, dass wir „wie bei Master and Commander“ aneinander vorbei gefahren waren. Dachten wir die Aegir sei in Kalmar, also vor uns, stellte sich heraus, dass das Schiff wegen Müdigkeit der Crew erst einmal in Ystad eingelaufen war, und wir in der Nacht weiter an ihr vorbeigefahren waren. In einer Sportbar, die zur Hälfte mit Asiaten in DFB-Trikots besetzt war, sahen wir dann das Fußballspiel mit bekanntem und dort allgemein auch verdient empfundenen Ausgang an.
Anderen morgens ging es dann bei schönstem WSW und strahlendem Sonnenschein mit bis zu 11 Knoten Fahrt den Kalmarsund hinauf bis nach Visby, das wir einen Morgen weiter erreichten. Jetzt lag die Aegir bereits vor uns im Hafen, und wir machten direkt am Hafenmeisterhaus hinter ihr fest. Nach Stadtrundgang am ersten Tag entschieden wir uns ein Auto zu mieten, um einmal die Insel zu erkunden. Die Ausfahrt führte uns durch die Mitte der Insel an unzähligen Kirchen vorbei wieder nach Norden auf die Insel Farö, wo wir die Raukare (Kalksteinformationen am Strand) und ehemalige Wikingerhäfen bewunderten.
Am Abend dann machen wir auslaufklar, um nach Helsinki weiter zu fahren. Die Aegir nahm von hier aus Kurs auf Stockholm. Der Wind war zuverlässig so schwach, dass an Segeln nicht zu denken war, und so fuhren wir in die Abenddämmerung auf öliger See an Gotland entlang nach Norden. Das Risiko, dass das bis Helsinki anhielt war mir zu groß, und wir beschlossen in Farösund noch einmal vollzutanken. Nachdem das geschehen war, blies der Wind dann auch wieder mit konstanten 10 Knoten.
Am Samstag gegen vier Uhr morgens machten wir in Suomenlinna fest. Der Zöllner erklärte uns, dass entgegen den Hinweisen im Hafenhandbuch das Einklarieren für ein deutsches Schiff aus Schweden kommend nicht nötig war, aber wenn wir wollten, könnten wir an der Zollpier erst einmal ausschlafen. Das taten wir dann auch und verlegten um 9 Uhr in den Hafen des Nylandska Jachtklub mitten im Hafen von Helsinki. Hier sollten uns Gerda und Jürgen verlassen und Philipp von Trotha und Tanja Koch neu hinzukommen.
Daher war es Zeit für ein Captain’s Dinner in dem historischen Clubhaus mit seinem phantastischen Blick auf die Altstadt und den Hafen. Auf meine Reservierungsanfrage am Nachmittag bedauerte die Kellnerin, dass alles voll sei. Ich verabschiedete mich mit dem Bedauern, dass wir leider Crewwechsel hätten und gerne heute Abend noch einmal hier gegessen hätten. "Sie sind Segler?" fragte mich die Frau, was ich bejahte. "Das ist etwas anderes, kommen Sie bitte mit", sagte sie und führte mich durch eine Tür mit der Aufschrift "Members Only" an einen Tisch mit Blick über die Terrasse auf unseren Hafen und Liegeplatz, den sie für den Abend für uns reservierte. Es werde das Seglermenü für 9,50 EUR angeboten, heute Abend nach Wahl Fisch oder Ente. Jeder von uns entschied sich am Abend offenbar richtig, denn es hat allen außerordentlich gefallen.
Am Sonntag nahmen Gerda und Jürgen dann Abschied. Philipp und Tanja kamen gegen 21:00 Uhr am Schiff an und waren erst einmal über den Liegeplatz erstaunt. Sehr zur Freude von Philipp, mussten wir am Montag noch auf einen Monteur warten, denn die Kraftstoffzuleitung machte Probleme, die wir in Russland auf keinen Fall haben wollten. Nachdem der Monteur, der sich für gegen 10 Uhr angekündigt hatte, um 15 Uhr dann auch kam, liefen wir in Richtung Abenteuer aus.
Das begann nun aber wirklich mit dem Abstempeln der Crewliste und einer Kontrolle der Pässe und Bootsdokumente in Suomenlinna. Ich rief von dort aus vereinbarungsgemäß unsere Agentin in St. Petersburg, Frau Bukowa, an und unterrichtete sie von unserer Abreise. Sie gab mir die nötigen Instruktionen und wir setzten Kurs Richtung Ost ab. Der Wind kam zum ersten Mal von dort her, wo wir hin wollten. Ab der russischen Seegrenze war auf das große Verkehrstrennungsgebiet und diverse Sperrgebiete zu achten, die uns streckenweise zwangen, auch gegen guten Segelwind zu motoren. Jetzt fiel schon einmal auf, dass sämtliche Untiefentonnen, die die britische Admiralität noch mit Berichtigungsstand Mai 2008 auf den Seekarten vermerkt hatte, real nicht existierten. Wir schafften es dennoch und passierten die Insel Kronstadt am Dienstag um 16 Uhr.
Nach der Meldung auf Kanal 9 nahmen wir die Segel runter und passierten die alte Festungsstadt der baltischen Flotte. Es sah dort aus, wie man es sich vorstellt. Ab hier waren es gut 20 Meilen den Seekanal hinauf, in dem nur unter Maschine gefahren werden darf. Wir folgten in der einbrechenden Dämmerung den vorgegebenen Fahrwassern für die Sportschifffahrt, die gut betonnt und befeuert waren, in Richtung Passagierterminal zum Zoll. Eine Meile vor dem Ziel, es war inzwischen Mitternacht, tauchte vor uns in der Dunkelheit mitten im Fahrwasser ein Bagger auf, der die gesamte Breite des Fahrwassers einnahm. Wir stoppten erst einmal auf und nahmen einen Blick auf das Gerät und dann auf die Seekarte. Der Versuch den Bagger rechts- oder linksherum zu Umfahren, scheiterte beide Male im 2 Meter flachen Sumpf des Newadeltas.
Ich rief die Verkehrsleitzentrale und wurde erst einmal als Idiot beschimpft, „das wisse doch jeder, dass das Korabelny- Fahrwasser heute Nacht gesperrt ist, ich solle erst einmal auf Kanal 13 wechseln.“ Der Lotse dort war betont freundlicher und teilte uns mit, dass wir die Erlaubnis hatten, direkt durch den Hafen zu fahren, und wir sollten seinen Anweisungen folgen. Das taten wir dann auch und fuhren rund 15 Meilen zurück. Der Lotse führte uns zuerst mitten durch den neuen Containerhafen und dann durch einen Teil des Hafens, in dem noch richtig große Stückgutfrachter mit einer „richtigen“ Schiffssilhouette und eigenem Ladegeschirr ihre Fracht löschten. Das hatte man bei uns ewig nicht mehr gesehen. Der Geruch der Luft weckte in den älteren von uns Erinnerungen an die Wendezeit im Herbst 1989.
Am 09.07.2008 um vier Uhr morgens gingen dann erstmals die Festmacher einer Schulungsgruppen Yacht auf russische Poller. Wir öffneten erst einmal eine Dose Bier. Wir hatten kaum einen Schluck getrunken, da standen an der Pier zwei junge Damen in Uniform, von denen die eine uns mit einem freundlichen "Guten Morgen" begrüßte. Weiterer Einladungen, an Bord zu kommen, bedurfte es nicht. Die Damen vom Grenzschutz gingen erst einmal unter Deck und fragten nach unseren Pässen. Nach einer ersten "Gesichtskontrolle" nahmen sie die Pässe mit und verabschiedeten sich mit den Worten: "Ab acht Uhr geht das hier dann weiter, es ist aber dann keiner mehr da, der deutsch spricht". Am Morgen kam Frau Bukowa nach telefonischer Anmeldung an Bord und bereitete mit uns die Einklarierung vor. Bisher waren wir der Meinung gewesen, das Antragsverfahren für die Visa im Konsulat in Hamburg sei mit viel Papier verbunden gewesen. Jetzt wurden wir eines besseren belehrt. Um es abzukürzen, die Passkontrolle war jederzeit freundlich, aber sie brauchte bis 13.30 Uhr, um unsere abgestempelten Pässe zurückzubringen.
Jetzt fuhren wir wieder die 15 Meilen zurück, um in den Yachthafen des Central River Yachtclub zu kommen. Die Steganlagen waren von neuestem Standard, und wir machten gegenüber der "Second Life" von Achim Freund fest. Kaum eine Stunde später erfuhren wir von ihm bei einem Gin-Tonic die ersten Tipps. Das Yachtclub-Gebäude war auf der einen Seite noch im originalen Sowjet- Zustand und auf der anderen Seite mit einem Restaurantanbau versehen, vor dem sich Porsche Cayenne und Range Rover in Zwölferreihen tummelten, und die Speisekarte bei umgerechnet 40,- € anfängt. Die Terrasse bot dann einen Blick auf die Ausstellungsstücke einer Sunseeker Niederlassung, deren kleinste Einheit bei 65 Fuss anfing.
Hier wie überall konnte man beobachten, dass 70 Jahre systematische Umerziehung erfolgreich die letzten Reste einer bürgerlichen Kultur ausgerottet hatten. So saßen vier Personen, die zierlichen Modellfrauen in der Regel mit auffälligem Schmuck behängt, neben modisch und sichtbar teuer gekleideten Männern mit der Physiognomie von Rausschmeißern von St. Pauli in der Abendsonne in einem Nobelrestaurant. Und alle vier hatten ein Handy am Ohr. Verhaltensweisen, die schon Thomas Mann im Zauberberg mit der Beschreibung der Gäste am "guten und am schlechten Russentisch" beschreibt, konnte man vor Ort studieren. Am Abend machten wir uns auf in die Stadt mit einem Trolleybus, der nach der halben Stecke anhalten musste, weil die Straße wegen Fußballhooligans von Polizisten gesperrt war, mit denen man sich besser nicht anlegen sollte. Unser erster Eindruck im abendlichen Licht war schon überwältigend, und wir machten uns zu Fuß auf, durch die Prachtstraße Newski Prospekt und entlang der wunderbar beleuchteten Newa- Brücken. Um Mitternacht nahmen wir auf der Terrasse des Grand Hotels Europa platz und tranken eine Flasche Krimsekt auf den jetzt angebrochenen Geburtstag von Tanja. Die Kellner, denen das Geburtstagständchen nicht entging, reagierten sofort und gratulierten mit einer großen Schale Erdbeeren.
Das Ausflugsprogramm der nächsten drei Tage mit Stadtführung, Ausflug nach Zarskoje Selo und Führung durch den Sommerpalast einschließlich Bernsteinzimmer und letztlich eine phantastische Bootsfahrt bei Nacht auf der Newa, sowie durch die Kanäle waren von Frau Bukowa perfekt organisiert. Wir bekamen bestimmt nur einen Bruchteil zu sehen, aber waren alle der Meinung, dass die Stadt die Reise unbedingt wert war.
Am Sonntag dauerte das Ausklarieren jetzt nur vier Stunden, und danach motorten wir wieder in Richtung Westen. Am Ende des Seekanals ca. 15 Meilen hinter Kronstadt passiert das Malheur. Catha kam aus dem Bad und rutschte auf dem Ende der Schot aus und brach sich das Handgelenk. Mein erster Gedanke war der übliche ("Oh! Scheiße!") und der zweite "und das in Russland". Ich nahm mit Frau Bukowa Kontakt auf, die mir sagte, dass das kein Problem sei, wir müssten nur zurückkommen an die Zollpier und die Ambulanz wäre auch gleich vor Ort. Auf gar keinen Fall dürften wir das viel näher liegende Kronstadt anlaufen, da wir dort nicht ausgereist seien.
Anstelle von 35 Meilen Maschinenfahrt zurück, entschieden wir uns für die „Flucht“ nach Westen in das 45 Meilen entfernte Hapassari. Über eine zentrale Telefonnummer wurden wir vom Sanitätsdienst in Helsinki betreut, dieser gab die Informationen nach Hapassaari weiter, und als wir uns gegen drei Uhr morgens über Funk beim Zoll dort meldeten, wusste man bereits Bescheid. Das Einklarieren dort dauerte 30 Sekunden, und danach wendete sich der Zöllner Catha zu. Nach einer Viertelstunde war das Schnellboot mit Catha und Tanja an Bord unterwegs zum Krankenhaus in Kotka.
Nach ein paar Stunden Ruhe folgten wir dem Schnellboot mit der Arndt. Gegen Mittag kamen die Damen dann mit dem in Gips verpackten Arm zurück. Die Ärzte meinten, man könne damit weitersegeln. Wir beratschlagten uns auch noch mit Kiel und kamen dann zu dem selben Schluss. Am selben Abend liefen wir aus, weiter Richtung Tallinn, unserem eigentlichen Ziel. Der Weg dahin wurde eine langwierige Kreuz, aber am folgenden Abend waren wir im Hafen vom Yachtclub Kalev fest. Trotz des mittlerweile strömenden Regens entschlossen wir uns zum Gang in die Stadt. Unsere Crew zog sich also Öljacke und Seestiefel an und machte einen Stadtrundgang durch Gassen, die der Regen mittlerweile in reißende Sturzbäche verwandelt hatte. Wir fanden schließlich Platz im historischen Knoblauch-Restaurant "Balthasar", wo wir von unserem Tisch aus einen Logenplatz auf den darunter liegenden menschenleeren Marktplatz hatten.
Der folgende Tag präsentierte sich wieder im Sonnenschein und nach einem mittelalterlichen Essen im Restaurant "Olde Hansa" fuhren wir weiter nach Stockholm. Die See war es letztlich, die uns dazu brachte, noch einen Zwischenstopp in Hanko einzulegen. Der Wind war auf rund 14 Knoten abgeflaut, aber in der Einfahrt zum finnischen Meerbusen stand eine derartig heftige See, welche die Crew über Nacht kaputt schlagen würde. Am folgenden Morgen hatte sich alles beruhigt, und wir liefen die Strecke nach Sandhamn hoch am Wind in noch einmal gut 20 Stunden. Nach einem Zwischenstopp im KSSS ging es am selben Nachmittag weiter durch die Schären nach Stockholm. Dort übergaben wir das Schiff am 19. Juli im Wasahafen wohlbehalten an unsere Nachfolgecrew um Marco Biallek.
Vor uns lagen jetzt nur noch rund 900 Kilometer Autobahn, auf der wir jeder für sich die 1437 Seemeilen der letzten drei Wochen Revue passieren lassen konnten.

Jan-Dirk Tenge

 

Impressionen der Reise