Ich bin dann mal auf See - Eckart Reinke

Auf was habe ich mich da nur eingelassen. Es war Anfang Mai zu Maior, die Sonne schien, die Stimmung war gut; da habe ich leichtsinnig schnell mal lose zugesagt, bei dem Engpass auszuhelfen, die Arndt über die Biskaya zu überführen. Wesentlich war, dass Benni spontan zusagte, ohne den ich diese Tour nicht machen würde. Nach vier Jahren als Nav auf dem Schnellboot und vielen Meilen auf Yachten, kann er bei der „Frage Seemeilen?“ nur milde lächeln. Also Benni ist dabei, der Rest wird sich finden.
Was schoss parallel durch meinen Kopf, wie soll und kann ich das der Familie erklären; die Zeit ist mein kostbarstes Gut. Da war schon Maior, Kieler Woche, Porto Rotondo und die EM in Ystad ‚verkauft’– das ist zumindest erklärbares Engagement, doch diese Überführung wird wohl eher als Urlaub gewertet – ein schwieriges Unterfangen. Na, dann ist da doch der Zeitpuffer bis zum Juli, der die Hoffnung am Leben hält, das unser Club doch in der Lage sein würde, eine richtige Tour an eine andere Crew zu verkaufen, so dass mein Einsatz nicht mehr von Nöten sei…

Mittwoch 10.00 Uhr
Wie man sieht, ist dieses nicht geschehen. Jetzt sitze ich im VW Bus mit 5 anderen Verrückten  zusammen und schreibe mit dem Laptop auf den Knien diese Zeilen. Vorne sitzt Benni und fährt, neben ihm Benji, der mit ihm zusammen Fahrwache hat. Wir haben nämlich einen Wachplan festgelegt, der mit Ablegen Kiel am Dienstag um 14.00 Uhr begann und mit Ankunft Kiel endet, und für Bus und Schiff durchgehend gilt. Hinten sitzen derzeit mit mir in der Feiwache Timo, Fabian und Rupi. Alle sind wir aus dem Seebahn-Team des KYC; eine Incentive-Tour für das Team bzw. besser wohl eine Rettungs-Tour des Seebahnteams sozusagen. Obwohl Benni und ich zuvor alle altgefahrenen Seebahnteammitglieder angesprochen haben, scheint so ein Biskayaritt nicht jedermanns Sache zu sein. Nun ist es eine reine Männertour geworden - auch ganz schön.
Die notwendigen Dinge sind von langer Hand vorbereitet worden. Die anderen Dinge haben sich spontan ergeben. Im gekühlten Handschuhfach lagen beständig zwei 0,5 Liter Kronbacher Pils, die regelmäßig ‚ausgetauscht’ werden.  Die Freiwache darf Bier trinken, sofern sie sicherstellt, dass sie nüchtern wieder die Wache antreten kann. Fünf der sechs Seebahner sind Corpsstudenten, vier davon Holsteiner aus Kiel, trotzdem oder gerade deswegen geht das Biertrinken gesittet vor sich.
Fünf von uns sechsen werden in La Coruna von Bord gehen. In der ebigen Diskussion stellen wir fest, dass La Coruna die regenreichste Stadt Europas ist; was für ein grausamer Hafen; passt genau zu dem Trip, den andere als Horrortrip  bezeichnen würden. 2.600 Kilometer ohne Pause im Wachsystem im Auto, sofortiges Ablegen in La Coruna, rüber über die Biskaya, Rupi fährt derweil den Wagen 1.500 Kilometer außen herum, um uns in Brest wieder in Empfang zu nehmen, dort sofort wieder runter vom Schiff und zurück weitere 1.500 Kilometer nach Kiel. Zusammen sind das geplante 24 Stunden im Bus, 72 Stunden an Bord und wieder 15 Stunden im Bus - durchgehend im Wachrhythmus. Keine „Freizeit“ keine Urlaubsannehmlichkeiten, nur Pflichterfüllung (die Zusage der Überführung), die wir uns zum Spaß machen wollen. Wollen wir mal sehen, wie es nach der Ankunft aussieht…
Mitwoch 15.00 Uhr.
Wieder mit dem Laptop auf den Knien sitze ich jetzt auf dem Beifahrersitz, Fabian steuert den Bus. Wir beide haben Fahrwache. Eine Stunde noch bis La Coruna. In den letzten zwei Stunden haben wir die Essensplanung gemacht, den Tidenkalender geprüft und den neuesten Wetterbericht eingeholt. Wir wollen kurz vor Hochwasser gegen 21.00 Uhr auslaufen, da haben wir noch Restlicht vor Sonnenuntergang und wenig Gegenstrom. Das gibt uns ausreichend Zeit für das Bunkern, die Schiffsinspektion, Sicherheitseinweisung und weitere Vorbereitungen.
Die Wetterberichte sagen eine ruhige erste Nacht voraus. Wir wollen uns westlicher halten als die direkte Kurslinie, denn der Wind soll bis Freitag auf  NW – N drehen und bis auf 7 Bft. - in Böen sogar mehr - auffrischen. Da wir alles auf einem Bug absegeln wollen, haben wir uns für diesen Weg des Vorhaltens entschieden. Definitiv werden wir keinen Online- oder Funkkontakt aufbauen können, so dass wir weitere Informationen zum Reiseverlauf erst nach dem Einlaufen Brest senden werden.

1    Wache: Eckart Reinke
2    Wache: Benjamin Storm


Wir wechseln im 4-Stundenrhythmus (seit Kiel bis Kiel)
Im Wechsel begleiten unsere Wachen:
Benjamin Reinke
Fabian Graf Hahn von Burgsdorff
Timo Curdt
Ruprecht Reinke (‚Busfahrer’ La Coruna – Brest)


Wir sind alles erfahrene Seeleute und haben gegenseitiges Vertrauen, trotzdem haben wir Respekt vor den Naturgewalten, die in der Biskaya auftreten können. Wir sind freudig gespannt…

Mittwoch, 2200 Uhr:
La Coruna auslaufend: Was ist denn hier los? Wind 020° mit 10 Knoten. 100% perfekt gegenan aus Brest. Wir haben 3 Wetterberichte eingeholt, dass hatte aber keiner vorhergesagt. Zudem waren wir von durchgehend Steuerbordbug ausgegangen und hatten alles entsprechend im Schiff gelagert. Nun start auf Backbordbug, nun gut…
•    Donnerstag 0130 Uhr, Wind geht auf 090°, wir können den geplanten Kurs 360° endlich anliegen. Ostwind, war nun aber genau die Gegenrichtung der Vorhersage, das scheint nicht stabil zu sein…
•    0300 Uhr, Wind jetzt schon auf 170°, dreht dann später weiter auf 200°.
Wir haben eine wunderbare sternenklare Nacht, milde Temperaturen. Der laue Start mit drehenden Winden wandelt sich in einen konstanten SW, der am Morgen auf 20 Knoten zunimmt. Um 1000 Uhr ziehen wir dann das 1. Reff ein, eine Stunde später um 1100 Uhr folgt schon das 2. Reff, zusammen mit der G3 eine gute Kombination, die uns bei 25 bis 28 Knoten Wind 2-stellige Knotenzahlen auf dem Speedo anzeigen lässt.
•    1600 Uhr entscheiden wir, dass wir genug nach Westen vorgehalten haben, selbst wenn jetzt der Wind auf 360° drehen sollte, wäre Brest jetzt ein Anlieger. Wir gehen über Kurs 020° auf 040°.
•    Der Wind dreht dann auch immer nördlicher, so dass wir froh sind über diese zuvor getroffene Entscheidung.
Freitag, 0130 Uhr schwarze Nacht - Gewitter voraus. Alle Mann an Deck, jetzt haben wir ordentliche See, nach vielen Stunden 28 -30 Knoten Wind, Wasser wäscht in großen Mengen über das Deck, absolut schwarze Nacht. Entscheidung: Großsegel bergen! Das könnte schwierig werden, doch das Manöver ging dann erstaunlich schnell und einfach; hier zeigt es sich, dass eine sehr erfahrene hochseetaugliche Crew an Bord ist – Sebahn-Team sozusagen.
Blitze links voraus und Blitze rechts voraus, in der Mitte scheint es weniger zu sein. Die Nacht bleibt schwarz, der Wind nimmt zu. Alle Man wieder raus aus den Kojen und alle ins Cockpit - zur Sicherheit. Lifebelts sind schon seit dem Mittag schon im Dauereinsatz. Dann werden wir nur mit G3 mit in der Spitze bis zu 40 Knoten Wind durch das Gewitter gepeitscht. Der ganze Spuk dauert nur 20 Minuten, dann ist alles wie zuvor.
Freitag, 0800 Uhr Flieger voraus.
Aufklärungsflugzeug im Tiefflug genau auf uns zu. 100 Meilen vor Brest. Wir wähnten uns einsam auf der Biskaya, seitdem wir nun östlicher fuhren und die nahegelegene Frachterrennstrecke Gibraltar-Ärmelkanal wieder weit hinter uns ließen. Wie hat der uns so auf den Punkt finden können? Dann dreht er noch zwei gezielte niedrige Runden über uns. Das war dann auch der einzige Kontakt bis Einlaufen Brest, wenn man von einem Kümo vor Brest einmal absieht.
Der Rest der Reise wird nur unter G3 bis Brest durchgeführt. Wir sind alle sicher, so hohe Wellen in einem Segelboot noch nicht abgeritten zu haben – haushoch ist das richtige Wort. Steuern ist körperliche Anstrengung – tagsüber versucht man sein Bestes, die Wellen auszusteuern, nachts war man auf sein Gefühl angewiesen, das Boot auf Kurs zu halten. Alles, wirklich alles ist nass, nässer, ganz nass – das wird uns auch als Fazit dieser Überführung in Erinnerung bleiben. Unregelmäßig aber oft waschen Wellen über Deck, Ölzeug ist von außen und innen mit Salzwasser getränkt; Salzwasser auch im Schiff, wo immer es herkommt, alle Luken sind geschlossen, alle Seeventile dicht, zwischendurch gepumpt, nichts wird mehr trocken, die Schlafsäcke feucht, Polster feucht, einfach alles klamm… Dazu dieser Seegang, bei dem man nichts machen kann, nicht einmal sch… - macht nichts, denn Essen das raus müsste, kommt sowieso nur wenig rein. Und dieses obwohl Timo und Benji sich als 100% seefest erwiesen und immer wieder lange als Smut unter Deck blieben – die volle Bewunderung der restlichen Crew ernteten – wir hätten das nicht gewagt. Viel gegessen haben wir aber trotzdem nicht.
Samstag, 0145 Uhr Fest in Brest.
Einlaufen Brest war dann in Landabdeckung eine reine Erholung. Heizung an, Bilgen pumpen, trocknen, u.s.w. Viel Infrastruktur der Arndt haben wir nicht nutzen können. Herd war nur zweimal an, nicht einmal Feststoff kam aufs Bordklo - die Rahmenbedingungen ließen dieses nicht zu, es lag in Luv und der Seegang war zu stark…
0200 Uhr: Klo! Aufklaren! Trocknen! Klamotten von Bord!
0400 Uhr Ablegen Brest mit dem Bus, den Rupi 1.500 Kilometer um die Biskaya herumgefahren hat, um uns wieder in Brest in Empfang zu nehmen. ETA Kiel 20.00 Uhr.
Wir sind erschöpft, gut drauf und auch ein wenig stolz auf die seemännische Leistung.

Reisebericht in Kurzform:
Dienstag 1400 Uhr: Ablegen in Kiel mit Bus;
Mittwoch 1630 Uhr: Ankunft in La Coruna mit Bus
Mittwoch 2100 Uhr: Ablegen in La Coruna mit Arndt
Samstag 0145 Uhr: Fest in Brest mit Arndt
Samstag 0400 Uhr: Ablegen Brest mit dem Bus
Samstag 2000 Uhr: Ankunft in Kiel mit Bus
Segelzeit Ansteuerung La Coruna bis Ansteuerung Brest: 50 Stunden!

Es grüßt das Black Flag Seebahn-Team

Die Biskaya 2 Crew

Blackflag Team segelt mal selbst
Biskaya - hin und zurück..