Die Arndt fährt über Danzig nach Stockholm....
Stefan Kunstmann berichtet
Dabei sind :
Jan-Dirk Tenge als "Der Käpt'n"
Stefan Kunstmann als "XO"
Andreas Herbst als "Herbert" und
Patrick Zimmer als "LI Paddy"
Sarah Schäfer als " "
Teil1
Zitat aus dem Baltikum-Reiseführer*:
"Wenn man sportlich segelt, kann man mit einem seetüchtigen, schnellen Schiff, etwas Wetterglück und ausreichend erfahrener Crew einen Törn von Rügen bis Danzig und zurück in zwei bis drei Wochen bewältigen."
Dummerweise haben wir diese Zeilen erst in Danzig gelesen - sonst wären wir ob all dieser Voraussetzungen doch besser nur nach Marstal gefahren?
Begonnen hat die Reise mit der Festlegung des Abfahrt-Datums: Freitag, 30.06.2006. Dem genauen Beobachter ist die Flagge AP über Alpha am Kieler Yacht Club nicht entgangen - Startverschiebung auf einen späteren Tag. Am Samstag mussten Jan-Dirk und ich erst noch eine Planungssitzung einberufen. Dazu traf man sich zum entspannten Wäschewaschen im Waschsalon.
Unbürokratisch konnte auch der Einkauf noch am Samstag erledigt werden. Wie so häufig erntet man bei Feinkost-Aldi sehr erstaunte Blicke, wenn man mit fast fünf vollbeladenen Einkaufswagen an die Kasse rollt. Darunter ein Wagen voller Brötchen (vergleiche dazu den Reisebericht von 2003...), Wasser und sonstiger Leckereien. Aus erstaunten Blicken kann man mit einfachen Mitteln entsetzte, besorgte Gesichtsausdrücke generieren.
Man rufe dazu einfach laut vom ersten Einkaufswagen dem Fahrer des letzten Wagens zu: "Hey, ist schon toll, wenn man über Informationen verfügt, die andere noch nicht haben, oder?"..
Der Montag war ganz der Abfahrt vorbehalten. Der frischgebackene Käpt'n hatte allerdings noch im Büro zu tun, sodass der LI in Ruhe nach Haderslev fahren konnte, um ein neues Schloss für die Arndt und neue Hauptschalter zu kaufen.
Mir dauerte das natürlich alles zu lange, er wollte schon längst auf See sein. Eine Beschwerde bei der Reiseleitung wurde jedoch abgeschmettert - diese wurde schließlich durch die Kanzlei Tenge, Willenbrock, Leisse & Brandenburg vertreten.
Um 22:50 begann dann doch noch das Startverfahren. Arne betätigte sich, wenn er schon nicht selbst segeln kann, als Race Officer und verabschiedete uns in Düsternbrook. Dafür gab es zu den Klängen von "Gruß an Kiel" auch eine Front nach
Backbord gepfiffen.
So begann der lange Weg nach Osten. Damit Jan-Dirk und ich uns nicht so sehr umgewöhnen müssen, wehte der Wind auch in diesem Jahr konstant aus der jeweiligen Richtung, in die wir fahren wollten. Wer das nicht glaubt, kann beim Wetterdienst nachfragen. Die Vorhersage der Windrichtung wird dort anhand unserer Reiseplanung erstellt.
45 Meilen lang haben wir das ausgehalten, dann musste an der Fehmarnbrücke bei Winden um nur noch 4-5 Knoten die eiserne Genua ran. Schon am ersten Tag sind so 32 Meilen unter Maschine auf die Logge gekommen. Gesegelt wurde aber auch, bis Danzig sind es nur noch weitere 10 Maschinenmeilen mehr geworden.
Am frühen Nachmittag erreichten wir dann Warnemünde. Meine Eltern kamen auf einen Husch vorbei und haben uns noch zum Essen und einem Bier eingeladen.
(Danke Mama und Paps!) Auf dem Weg zur Dusche wurden auch die ersten Vergesslichkeiten bestraft. Ich hatte meine komplette Unterwäsche und die Körperreinigungsutensilien im Rucksack zu Hause liegen gelassen. Und so verging der
Nachmittag auf der Suche nach entsprechenden Geschäften, bis wir endlich einen Laden mit akzeptablem Preisniveau finden konnten. Wieder war der Spruch aus dem Aldi angebracht, wenn man 20 Paar Unterhosen nebst Socken auf die Theke legt...
Die Verkäuferin verfügte über ein ausgeprägt gutes Vokabular - nur leider ausschließlich in Vietnamesisch - konnte aber Tenge noch zum Kauf eines Tropenhutes überreden (oder "überkörpersprächigen" oder wie das heißt).
Um das Hafengeld kamen wir herum - Herbert hatte Zahlenwimpel eins am Achterstag notiert und ich habe dem Hafenmeister erklärt, dass wir eine Art Regattanomaden wären, die nur mal schauen wollten, ob wir zur Warnemünder Woche noch eine Regatta mitfahren könnten. Großzügig hat er uns daraufhin am Teilnehmersteg liegen lassen und auf das Hafengeld verzichtet.
Zu guter Letzt gab es um 21:00 Uhr noch Fußball zu sehen: Wir hatten direkt vor einem Restaurant mit Leinwand festgemacht. Auf dem Baum saß es sich sehr gemütlich mit den eigenen Chips und einem Bier.
Am Mittwoch ging es um 00:28 (ja, die Tour hat Kreuzfahrtcharakter) weiter auf einen Non-Stop-Schlag nach Danzig. Wäre da nicht der Zigaretten-Notstand gewesen...
Mit einem Etmal von 162 Meilen und Winden um 3-4 Bft. ging es bei strahlendem Sonnenschein weiter nach Osten. Ratet mal, woher der Wind kam...
Gott sei Dank haben wir in Warnemünde noch "Mickey" an Bord genommen, unsere "Selbststeueranlage". Mit richtig getrimmten Segeln und festgestelltem Ruder hat Mikey uns hoch am Wind über zig Meilen auf drei Grad genau gesteuert - so wurde das Bordleben höchst entspannend. Die relativ locker gehandhabte Wacheinteilung besteht aus der Backbord- (Stefan und Andreas) und der "Versehrtenwache" (Jan-Dirk und Paddy) - beide halten sich mit Voltaren- und Fenistilsalbe über Wasser.
Gestern, am Donnerstag, war ein kurzer Dusch-, Zigaretten, Toiletten- und Eisstop in Leba vorgesehen. Die An- und Abmeldungen über Funk bei den Hafenmeistern, Zöllnern und Verkehrslenkungsdiensten erinnert stark an englische Verhältnisse - es wird reger Gebrauch davon gemacht und gern gesehen. Wer über die polnischen Worte "Dobre" und "Czenkuje" (Schreibweise ist "zufällig", bedeutet "Guten Tag" und "Danke") verfügt, wird von den Beamten höflich, zuvorkommend und schnell abgefertigt. Das Einklarieren verlief absolut problemlos.
Der Hafen ist komplett mit 3,20 Meter ausgeschrieben - allerdings haben wir beim Versuch des Anlegens an der Pier oder der Tankstelle immer wieder auf Schlick gesessen. Entweder haben wir seit dem Winter mehr Tiefgang oder die Karten sind
falsch. Wir gaben auf und haben dann an Fischerstegen im Strom festgemacht.
Es fällt auf, dass die Polen es mit Wassertiefen hin und wieder nicht so genau nehmen. Nördlich von Hel herrschen Wassertiefen zwischen 30 und 100 Metern. Es kann aber passieren, dass das Echolot bei kartierten Tiefen von 74 Metern
plötzlich nur noch 9,4 anzeigt. Ein weiterer Nachteil des tiefen Wassers: Es ist unheimlich kalt! Liegen die Wassertemperaturen auf See bei 10 bis 12 Grad kann man in kleineren Gewässern wie dem Leba-Strom auch schnell mal auf 20 Grad kommen - allerdings sah das Wasser dort nicht gerade einladend für Badeaktionen aus...
Nach drei Stunden ging es weiter, so hat es immerhin zu einem Etmal von 149 Meilen gereicht. Nach weiteren 54 Meilen haben wir heute um 08:50 Uhr in Danzig gegenüber des Krantors festgemacht. Natürlich haben wir an der Westerplatte die
Nationale gedippt, was mit Applaus der an Land stehenden Einheimischen und Touristen begrüßt wurde.
Von der Stadt konnten wir noch nichts entdecken: Es herrscht "Tauwetter für Dicke". Den Schutz des Sonnensegels in die rund 35 Grad warme Luft zu verlassen hat noch niemand gewagt.
Für die nächste Tour um diese Zeit haben wir die Anschaffung einer mobilen Klimaanlage geplant. Angenehme 20 Grad unter Deck! Was für ein Traum im Moment.
Heute Abend kommt wahrscheinlich noch Sarah Schäfer mit an Bord - so denn ihrem Ausreiseantrag** in Lübeck-Blankensee stattgegeben wird - die uns bis Stockholm weiter begleiten wird. Den nächsten Bericht gibt es dann, wenn auch der nächste
Hafenmeister ein unverschlüsseltes, schnurloses Netzwerk "anbietet".
Viele Grüße aus Danzig,
Stefan
* Küstenhandbuch Polen und Litauen, Jörn Heinrich, 2005
** Ihr Personalausweis ist abgelaufen. Augenscheinlich gibt es aber die Möglichkeit, sofern es sich um den Tag der Abreise handelt, einen vorläufigen Ausweis beim Grenzschutz zu bekommen.
Nachtrag zu Teil 1
Hallo liebe Fans der leichten Unterhaltung! Ein kleiner Nachtrag zu unserem ersten Bericht sei uns angesichts der Ereignisse und der bestehenden Internet-Verbindung gestattet.
Wir liegen immer noch in Danzig. Teilweise ist das sogar wortwörtlich zu verstehen - die Hitze* macht uns ein wenig zu schaffen. Die heutigen Aktivitäten setzen eine kurze Vorgeschichte voraus:
Im Mai dieses Jahres wurde ich vom "Yachtclub von Polen" nach Gdynia bei Danzig eingeladen, um dort ein bisschen Training im Aufbau und dem Scoring von IMS Regatten zu machen. Einer der Hauptorganisatoren ist Konrad Smolen, mit dem wir uns hier in Danzig getroffen haben.
Zuerst wurden wir gestern abend zum Essen in das älteste Restaurant Danzigs ("Restauracia Bruno Kubicki" - sprich 'Kubitzki') eingeladen - nebst vorzüglichem Essen gab es angeregten Austausch hervorragenden internationalen
Seemannsgarns.
Im Anschluss gingen wir in einen Club - ein echter Geheimtip für alle Danzig-Reisenden: in den Zejman Maritime Club. Vom dunklen und ein bisschen mehr weniger viel gut riechenden Weg darf man sich nicht abschrecken lassen!
Ein Bier gibt es auch erst nach dem obligatorischen Eintrag in das Tagebuch des Clubs, aber es lohnt sich. Eine sehr urige Kneipe, die auf der Insel gegenüber der Marina liegt.
Dann hat Konrad uns angeboten, sein Auto für einen Ausflug zur Marienburg zu leihen - und hat sich davon nicht abbringen lassen, also haben wir angenommen. Gleich heute morgen um neun war er da, und wir machten uns auf den Weg zur größten
Backsteinburg der Welt - dem Hochmeistersitz des deutschen Ordens. Zig mal zerbombt, abgebrannt, bekriegt und nahezu ebensooft wieder aufgebaut konnten wir das imposante Bauwerk besichtigen.
Der Begriff "auf den Schacht gehen" hat dort eine neue Bedeutung bekommen.
Ein Blick auf die Hauptlatrine der Burg genügt dazu - ein Eisengitter über einem zwanzig Meter hohen Abgrund, der früher direkt in den Fluss mündete.
Insgesamt gesehen ist Danzig sehr beeindruckend. Wer allerdings glaubt, in ein Entwicklungsland zu fahren, irrt gewaltig.
Durchgängig ansehnliche Autos sind unterwegs, es gibt Staus wie in anderen Großstädten und an fast jeder Tankstelle Autogas für 30 Cent. Darüber hinaus sind auch die Polen in der Lage, Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen**,
gleichwohl immer noch ein vorzügliches Drei-Gänge-Menü für 20 Euro zu haben ist.
Das solls in Kürze gewesen sein!
Stefan
* Heute gab es einen Gewitterguss vom feinsten! Zig Liter pro Quadratmeter, bäh! Morgen soll es aber wieder besser werden. Ach ja: Mücken gibt es seit eben auch, sehr durstige Tiere...
** Schönstes Beispiel:
Ein kleines Mädchen kommt während des Essens mit einem nahezu verwelkten Strauch Rosen an den Tisch. Geschlossen haben wir eine ablehnende Haltung angenommen.
Das Mädchen: "Nur fünf Slotti!".
Wir: "Nööö!".
Das Mädchen: "Büüüttdde".
Tenge - zückt das Portemonnaie und lobt das Mädel für vorzügliches Marketing... Gut, dass wir nicht länger bleiben.
Morgen käme sie vielleicht mit einem Auto. "Büüüttdde".





