In diplomatischer Mission unterwegs....
Wie schon 2009 war die Kuh auch dieses Jahr in Dänemark auf diplomatischer Mission unterwegs. An Bord war wieder der deutsche Botschafter Dr. Christoph Jessen, der in Begleitung seiner Frau und eines Hauptbootsmanns aus dem Stab des Militärattachés verschiedene Stationen in Dänemark besuchte. In diesem Jahr begann unsere Reise in Assens, doch schon die Fahrt dorthin war durchaus bemerkenswert. Mit einer Crew aus fünf Yachtschülern liefen wir am vergangenen Montag früh aus. Bei kräftigen Winden aus südlichen Richtungen ging es mit dem schweren Spi schnell Richtung Nord. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 11 kn und 13,7 kn Maximalfahrt war die Strecke nach Assens kein Problem. Jedes Mal wieder herrlich, wie die Yacht durch die See pflügt. Vor Ærø ging der Spi dann runter, weiter ging es spitzer mit der GIII. Die Liegeplatzsuche gestaltete sich schwierig, die Entscheidung leicht: genau ein Platz war groß und tief genug für uns. Abends wurde noch ein wenig aufgeklart und eine Mahlzeit für den nächsten Tag vorbereitet.
Am Dienstag um 1100 trafen dann unsere Gäste ein. Sie hatten bereits ortsansässige Unternehmen und ein Museum besucht und kamen jetzt in Begleitung eines dänischen Journalisten an Bord. Bei traumhaften Segelbedingungen fuhren wir durch den Kleinen Belt nach Norden Richtung Middelfart. Auf dem Weg dahin gab es reichlich Gelegenheit zu interessanten Gesprächen an Deck und natürlich auch einen kleinen Vorsegelwechsel, der für Abwechslung sorgte. Im engen Sund vor Middelfart kamen uns leider zwei bis drei Knoten Strom entgegen, so dass doch noch einmal der Motor bemüht werden musste, doch der Stimmung an Bord tat das keinen Abbruch. Das Anlegemanöver war bei knappen drei Knoten Strom quer zur Hafeneinfahrt noch einmal spannend, klappte aber natürlich wie aus dem Bilderbuch. Nach dem Anlegen wurde das Boot dann in Rekordzeit aufgeklart, wir warfen uns in Schale und binnen weniger Minuten konnte der deutsche Botschafter auf dem Flaggschiff des Kieler Yacht-Clubs einen Sektempfang geben.
Während unsere Gäste sich anschließend aufmachten, um einige ortsansässige Firmen zu besuchen, blieben wir an Bord und ließen es uns gutgehen. Bei dem für fünf Personen reichlichen Platzangebot fiel das natürlich leicht. Später am Abend wurden Nils und Charlie abgeholt, um am Dinner des Botschafters teilzunehmen. Die verbleibende Crew verlief sich in den Weiten der Yacht.
Der nächste Tag begann mit strahlendem Sonnenschein und Mitstrom, kurz: perfekten Segelbedingungen. Bei achterlichen Winden konnten wir unter Gennaker und Stagfock, später GII Reacher und Stagfock Richtung Vejle fahren. Der Botschafter und seine Frau (beide selbst Segler) zeigten sich beeindruckt von der Unzahl verschiedener Segel, die wir aus der Segellast hievten und der Vielzahl Strippen, die zu ihrer Bedienung gezogen werden. Die Kuh ist halt noch ein „richtiges Seeschiff“ mit vielen Winschen, Außenschoten, Baby- und Kutterstagen… Die ebenfalls mitgereiste Lehrerin einer deutschen Schule kam an diesem herrlichen Spätsommertag in den Genuss ihres ersten Segeltörns, der leider schon nach drei Stunden in Vejle endete.
Hier gab es wieder einen kurzen Empfang an Bord, dann begleitete ein Teil der Crew den Botschafter auf einem Besuch bei Miele und einer lokalen Spedition (die mal eben die gesamte Logistik für McDonalds in halb Europa macht), und danach noch auf einer Fahrt nach Jellinge, den Ort des Grabes von Gorm dem Alten (dem Gründer Dänemarks) sowie eines Kinderfestes.
Beim abschließenden Dinner des Botschafters mit dem Jellinger Bürgermeister und dem Chef des Wirtschaftsförderungsvereins der Region waren dann wieder drei Crewmitglieder dabei. Ein sehr interessanter und unterhaltsamer Abend wurde uns zuteil, bei dem wir live erleben konnten, wie wichtig solche informellen Treffen für die internationalen Beziehungen sind. In lockerer Atmosphäre gab es reichlich Gespräche über mögliche wirtschaftliche und politische Kooperationen zwischen Deutschen und Dänen, und natürlich auch reichlich Klönschnack, an dem sich dann auch die Crew lebhaft beteiligen konnte. Im Anschluss endete unsere „Mission“ mit einem herzlichen Dankeschön des Botschafters, das wir einfach mal an den Kieler Yacht-Club weiterleiten, der dieses tolle Schiff zur Verfügung stellt und unterhält. An dieser Stelle bleibt dann eigentlich nur, wiederum dem Botschafter für das Vertrauen zu danken, die Yachtschule und das Flaggschiff des KYC zum zweiten Mal als Mittel seiner Diplomatie einzusetzen. Eine bessere Werbung für die Jugendarbeit des Clubs kann man sich sicher kaum wünschen.
Nach Abschluss unserer „Mission“ blieb uns nun natürlich noch der zweite Teil der Reise, die Rückfahrt in zivil Richtung Kiel. Bei immer noch perfekten Spätsommerbedingungen fuhren wir am Donnerstag von Vejle wieder südwärts nach Årøsund. Einzig der – mal wieder – gegenan laufende Strom und der teilweise etwas flaue Wind sorgten für eine leichte Verzögerung unserer Reise. Abends jedoch genossen wir einen herrlichen Abend im Cockpit im menschenleeren Hafen.
Den Freitag begannen wir mal ganz untypisch: Jan als studienbedingt Wahl-Würzburger hatte ein echt bayrisches Frühstück vorbereitet, komplett mit Brezen, Weißwurst und süßem Senf. Dass ein unaufmerksames Crewmitglied die Aufbackbrezen am Vorabend aus dem Gefrier- ins Kühlfach verholt hatte, sorgte allerdings für Verstimmung. Leider waren die ehemals wohl formschönen Hefeteig-Achten zu zwei unförmigen Knäueln zusammengesackt. Wir trösteten uns mit dem Gedanken, dass uns ja kein echter Bayer sieht, und genossen sie dennoch.
Nach einem kurzen Tankstopp am Automaten mit der Erkenntnis, dass „Tag kortet“ „Karte entnehmen“ heißt und nicht, wie erst von einigen angenommen, „nu leg los“, machten wir uns auf den Weg nach Sønderborg. Was soll man sagen, wieder herrliches Segeln bei angenehmem Mittelwind, insbesondere mit Schrick in der Schot hinter Alsen. Kurzes Warten vor der Brücke, Boot festbinden, essen. Schöner Tag.
Dito der nächste Tag, Sonnabend, der Tag des Absegelns. Wir liefen früh aus, mit Frühstück auf See, um rechtzeitig in Eckernförde anzukommen. Wie immer, schöner Segeltag, Sonne, massig Platz mit fünf Mann auf 52 Füßen. Wir liefen gleichzeitig mit der Absegelflotte in die Eckernförder Bucht ein und kamen am frühen Nachmittag beim SCE an. Die Kuh war also wieder im Clubleben angekommen. Binnen kürzester Zeit wieder viele Yachtschüler an Bord – ganz ungewohnt, plötzlich neun, zehn Personen unter Deck zu haben. Eigentlich viel zu eng.
Am Abend dann die Preisverleihung im Clubhaus. Vorher ein reichhaltiges Buffet, das etliche der „Lütten“ in Kälte und Dunkelheit auf der Terrasse verspeisten. Nicht wegen ungebührlichen Betragens (das hätte höchstens ein Kopfbad gegeben), nicht wegen zu späten Erscheinens, sondern weil das Clubhaus überfüllt war, damit wir älteren Semester in rheumafreundlichem Trockenklima speisen konnten. Eigentlich ja ein Luxusproblem, schuld war schließlich die zu gute Beteiligung am Absegeln. Trotzdem natürlich schade und vor allem kalt. Zur Preisverleihung durfte dann auch die JA wieder komplett in den Saal. Die Yachtschulboote hatten sich wacker geschlagen, und auch dass Berend Terveer die größte Wurst mit nach Hause nehmen durfte, lag ganz bestimmt nur daran, dass sein Sohn Fynn an Bord war – der ist schließlich Yachtschulobmann. Ehrensache, dass nach der Preisverleihung im Clubhaus noch auf der Kuh ein wenig gefeiert wurde, auch die Lütten durften ins Warme, mussten zum Schlafen aber wieder auf ihre Elans.
Das war auch ganz gut so, am nächsten Morgen stand der angekündigte Wind aus Ost samt Regen im Hafen, und die Elans machten sich rechtzeitig vor dem Einsetzen des stärksten Windes auf den Rückweg – da wurde auf der Kuh noch gefrühstückt. Wir hatten uns einige Verstärkung aus Kiel einfliegen lassen, und wollten nun wenigstens an der Rückregatta nach Kiel teilnehmen. Schnell wurden Positionen verteilt, dann der Start vor der Mole des Marinehafens. Blitzblanke Kreuz aus der Bucht, dazu ein gesunder Gegenstrom. Einmal nach links raus, einmal nach rechts, überall Gegenstrom. Rätseln, wo bleibt das ganze Wasser bloß? Dann das Überholmanöver auf die beiden YS-Elans, beide waren dicht beisammen, doch eine sackte nach Lee weg.
Nach dem Überholmanöver sahen wir den Grund: die Genua war über Bord geweht, zwei Leute auf dem Vorschiff zerrten gerade die Mittelbreite über die Reling. Bei uns auf der großen Yacht war alles ganz entspannt und ziemlich trocken. Wir litten mit der elan-Crew mit, sahen aber mit großer Freude, dass sie ihr Problem schnell wieder in den Griff bekamen und konzentrierten uns wieder auf die Regatta. Wir fuhren ganz nach links raus, bis an den Ausgang der Eckernförder Bucht. Dort erwischten wir einen kapitalen Linksdreher, der uns plötzlich direkt zur Stollergrund-Tonne brachte. Sogar ein bisschen Überhöhe konnten wir verbrennen, und mit einem leichten Schrick in den Schoten rauschten wir deutlich schneller auf die Bahnmarke zu als der Rest der Flotte, der sich größtenteils rechts befand. Lediglich die needles and pins mit Uli Münker war noch bei uns und fuhr uns mit geschrickten Schoten davon. So konnten wir als zweites Schiff die Stollergrundtonne und die Kleverbergtonne erreichen. Dort ging noch einmal der schwere Spi hoch, und wir fuhren zügig Richtung Ziel. Noch eine kurze Halse, Genua umbauen auf Backbord, setzen, Spi runter, schon waren wir im Ziel vor der Strander Mole. Schöne Manöver trotz zusammengewürfelter Crew, ein netter Tag auf See – mal wieder, trotz des anfangs schietigen Wetters.
Die Rückfahrt nach Düsternbrook geschah an und für sich ereignislos, bis plötzlich unter Deck ein erschrockener Ruf an Deck drang: „Ah, ih, das war in meinem Kragen!“ Eine gefühlt 80cm lange und vier Kilo schwere Heuschrecke hatte sich wer-weiß-wie an Bord verirrt und war dem Skipper in den Kragen gejumpt. Nun sprang dieses Biest durch den Salon, konnte aber unter einer Schüssel gefangen werden. Wir verwendeten einige Meter Klebeband darauf, das Heuschreckengefängnis kopfüber auf der Salonback festzukleben und überließen unseren Passagier vorläufig seinem Schicksal. Mit Groß und GIII segelten wir gemütlich in die Förde, aßen eine Kleinigkeit und fingen schon mal langsam an, die Yacht aufzuklaren. Dann Anlegen, Segel tuchen, Heuschrecke an Land setzen, wo sie hingehört. Damit war unsere Reise nach einer Woche wieder zu Ende, wir blieben allerdings noch kurz, um auf die elans zu warten. Bald kamen sie aus dem Dunst, schön unter Spi in die Förde, wie sich das gehört. Blitzsaubere Anlegemanöver trotz vieler erschöpfter Gesichter an Bord. Für die kleinen Boote war die Kreuz von Eckernförde nicht so angenehm wie für die Kuh. Alle klitschnass, manch einer immer noch käseweiß, aber doch alle auch in dem Wissen, dass sie sich erfolgreich durch eine verdammt anstrengende Etappe gequält hatten. Keine Schäden an den Booten, wir konnten uns also getrost auf den Heimweg machen. Damit endete sie also wirklich, unsere diplomatische Mission mit anschließendem Absegeln. Bleibt noch einmal der Dank an den deutschen Botschafter in Dänemark, Dr. Christoph Jessen, der die Yachtschule in seine Tätigkeit mit einbezogen hat (und auch schon angekündigt hat, dies im nächsten Jahr zum dritten Mal zu tun) und der Dank an alle Organisatoren des Absegelns, die diese Veranstaltung wieder zu alter Größe geführt haben. Auch wenn wir natürlich hoffen, bis dahin noch ein bisschen aufs Wasser zu kommen: wir freuen uns schon aufs Ansegeln 2011!
Eure Kuh-Crew – Nils, Jan, Frederik, Mathias und Charlie
Postscriptum: Später erreichte uns die Nachricht, dass wir mit der Kuh die Rückregatta gewinnen konnten. Aufkommende Diskussionen über das Yardstick-Rating der Kuh konnten erfolgreich im Keim erstickt werden.





